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Akademisches Leben
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Hörsaalgeflüster (13): Die Zukunft der Geisteswissenschaften im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz

Die klassischen Geisteswissenschaften verlieren an gesellschaftlicher Relevanz. Marc Brunner erläutert, warum sich diese Entwicklung angesichts von Künstlicher Intelligenz auf dem Arbeitsmarkt ändern könnte.

Von Münsterer Burschenschaft Franconia
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern stellt auch die Bedeutung akademischer Bildung neu zur Debatte.
Künstliche Intelligenz verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern stellt auch die Bedeutung akademischer Bildung neu zur Debatte.

Einst galt die Theologie als regina scientiarium – als „Königin der Wissenschaften“. Diese Vorstellung stammt aus dem von der Scholastik geprägten Mittelalter und korrespondierte mit der Auffassung davon, dass die Philosophie eigentlich nur die „Magd“ – also eine sekundäre Hilfswissenschaft – der Theologie sein konnte und alle anderen akademischen Disziplinen, etwa Jura und Medizin, in der Reihenfolge weit unter diesen beiden Ur-Geisteswissenschaften stehen. Ich brauche nicht deutlich zu machen, wie sehr sich diese Vorstellung der Hierarchie akademischer Fächer geändert hat. Längst verfügt ein geisteswissenschaftliches Studium nicht mehr über das gleiche gesellschaftliche Renommee wie sein juristisches, medizinisches oder ökonomisches Pendant. 

Geisteswissenschaften sind nicht marktförmig

Die Gründe für die abnehmende gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften sind dabei so profan wie einleuchtend: In einer materialistischen, technologisch avancierten und streng durchökonomisierten Zivilisation, in welcher sich gesellschaftlicher Status fast ausschließlich durch das Vermögen definiert, das der Einzelne angehäuft hat, rücken die kulturellen Errungenschaften des Abendlandes notwendig in den Hintergrund. Wer mag noch Platon lesen, wenn stündlich die nächste Gelegenheit wartet, auf dem Aktien-, Anleihe-, oder Kryptowährungsmarkt Geld zu verdienen? Wer kann ernsthaft glauben, dass ein mehrjähriges Studium solcher „brotloser Kunst“ angesichts des stetig zunehmenden ökonomischen Drucks, welcher insbesondere auf dem deutschen Mittelstand lastet, eine gute Idee sei? Gerade auch, weil man sich mit den juristischen Staatsexamina oder einem guten Abschluss in Betriebswirtschaftslehre viel besser, also marktförmiger, aufstellen könnte?

Der Verlust des humanistischen Bildungsideals

Offensichtlich ist das klassische humanistische Bildungsideal, das insbesondere in der deutschen Geschichte stets hochgeschätzt wurde und dem alle Deutschen vor allem die im internationalen Vergleich fast kostenlose Möglichkeit einer akademischen Bildung verdanken, mehr oder minder erodiert. An die Vorstellung von der Bildung als Selbstzweck ist die harte Realität des Marktes getreten, welche Bildungsgänge allein nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit hin beurteilt. 

Sich über diese Entwicklung der massenhaften Nivellierung des kulturellen Niveaus zu beklagen, erscheint dabei so verständlich wie nutzlos. Tatsächlich ist die Reihe konservativer Kulturkritiker bereits sehr lang. Wer ihn aufmerksam zu lesen weiß, findet schon beim frühen Friedrich Nietzsche Hinweise auf den Umstand, dass dieser schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Verfall der kulturellen Formenwelt voraussagte – immerhin in einer Zeit, in welcher niemand ohne weitreichende Kenntnisse der griechischen und lateinischen Werke der Antike für gebildet galt. Wie dürfte der große Naumburger demnach auf unsere Epoche blicken, in welcher nicht nur die anspruchsvollen Werke der Tradition höchstens noch von Minderheiten studiert werden, sondern das gesamte Medium „Buch“ längst auf dem Rückzug ist?

Wie KI den Arbeitsmarkt revolutioniert

Aber auch das Primat der Wirtschaftlichkeit im beschriebenen Sinne scheint aktuell seinem Ende entgegen zu gehen. Denn mit der Künstlichen Intelligenz ist ein Werkzeug erfunden worden, welche das ökonomische Streben des Menschen grundsätzlich revolutionieren kann. Die KI ist in der Lage dazu, die wesentlichen Vollzüge des gängigen Erwerbslebens besser, schneller und günstiger zu erledigen, als es noch der qualifizierteste und motivierteste Mitarbeiter je tun könnte. Ungewiss ist, welche konkreten Auswirkungen ChatGPT und Co. auf den Arbeitsmarkt haben werden – aber qualifizierte Voraussagen schätzen den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen, welche durch KI ersetzt werden, auf mehrere Dutzend Millionen Euro. Insbesondere Akademiker jedweder Fachrichtungen werden sich möglicherweise die Frage stellen, ob und wie sie auf dem Arbeitsmarkt überhaupt noch zu „verwerten“ seien. 

Sollte dieses Szenario eintreten, stünden die westlichen Gesellschaften mit einem Mal vor der Frage, inwiefern sie das ökonomische Leben ihrer Bürger überhaupt noch steuern können. Dass diese Frage erkennbar nur jenseits der gängigen juristischen und wirtschaftlichen Bedingungen zu beantworten ist, sollte deutlich sein: Schließlich war es gerade die aus dem bisherigen ökonomischen Regime entstandene Technik, welche das KI-Zeitalter hervorbrachte, das nun wiederum seine eigenen Probleme aufwirft, die mit überkommenen Deutungsmustern kaum noch zu interpretieren sind. Anders formuliert: Die Künstliche Intelligenz stellt den Menschen vor Aufgaben, deren Reflexion aus akademischer Perspektive allein im Feld der Geisteswissenschaften möglich ist. Keine volkswirtschaftliche Makro-Analyse, kein juristisches Traktat und kein informatischer Code werden die Frage beantworten können, wie Menschen im KI-Zeitalter wirtschaften und leben können. 

Kehren die Geisteswissenschaften zurück?

Das heißt nun keineswegs, dass die klassischen Geisteswissenschaften vor ihrer Rückkehr an die Spitze der akademischen Hierarchie stehen. Das wäre angesichts der aktuellen hochschulpolitischen Lage und einer intellektuell prekären Professorenschaft, die eher nach politischer Opportunität als nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten lehrt und forscht, auch nicht wünschenswert. Aber weil die Künstliche Intelligenz potenziell eines der mächtigsten Instrumente ist, welche der Mensch je geschaffen hat, könnte ein gesellschaftlicher Umbruch ins Haus stehen, welcher den Geisteswissenschaften eine gewisse Konjunktur verschaffen wird. Denn in den Geisteswissenschaften findet der Mensch zwar nicht die einzigen, aber durchaus probate und historisch verbürgte Mittel, sich selbst und sein Empfinden zu problematisieren.

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