Der diesjährige Ramadan begann in Europa zeitgleich mit der christlichen Fastenzeit – ein Zusammentreffen, das es zuletzt im Jahr 1863 gab. Während die Christen die Wochen vor Ostern traditionell als Zeit der Besinnung, des Verzichts und der Vorbereitung auf das Osterfest begehen, markiert der Ramadan für die Muslime einen Monat des Fastens und des Gebets. Dass beide religiösen Kalender in diesem Jahr wieder parallel verlaufen, wirkt dabei fast wie ein aufschlussreicher Moment für die gesellschaftliche Realität in Deutschland und Österreich: Zwei religiöse Traditionen, die historisch kaum Berührungspunkte hatten, prägen inzwischen gemeinsam den öffentlichen Raum. In Schulen, Behörden, Betrieben und auf den Straßen wird sichtbarer denn je, dass die wachsende muslimische Bevölkerung den gesellschaftlichen Alltag verändert – nicht selten begleitet von Debatten, Schlagzeilen und wachsendem Unmut in Teilen der Bevölkerung.
Nächtlicher Streit im Internat
Wie solche Spannungen konkret aussehen können, zeigte sich Anfang März an der Landesberufsschule St. Pölten. In einem Internatszimmer kam es zu einem Streit zwischen vier Schülerinnen, nachdem zwei von ihnen während des Ramadan ihren Tagesrhythmus umgestellt hatten. Sie stellten regelmäßig gegen drei Uhr morgens den Wecker, um vor Sonnenaufgang zu essen. Für die beiden anderen Bewohnerinnen, darunter eine 17-jährige Mostviertlerin, bedeutete das jedoch eine tägliche Störung der Nachtruhe.
Nachdem die Beschwerden zunächst ohne Lösung geblieben waren, eskalierte die Situation. Die 17-jährige Auszubildende aus dem Mostviertel rief ihre Mutter an, um ihrem Ärger Luft zu machen. Dabei soll es auch zu direkten Beleidigungen gegenüber den Mitbewohnerinnen gekommen sein, woraufhin die Schulleitung reagierte und die Jugendliche für eine Woche aus dem Internat suspendierte. Der Fall entwickelte sich rasch zu einer politischen Debatte. Nach medialer Aufmerksamkeit und Interventionen wurde schließlich eine neue Lösung gefunden. Die suspendierte Schülerin durfte in das Lehrlingsheim zurückkehren und erhielt ein Zimmer mit einer nicht muslimischen Mitbewohnerin, während die beiden fastenden Jugendlichen gemeinsam untergebracht wurden.
Konflikte um Essensregeln im Klassenzimmer
Auch in Deutschland sorgte der Fastenmonat zuletzt für Schlagzeilen. An der Joseph-Beuys-Gesamtschule im nordrhein-westfälischen Kleve sollen Schüler laut Medienberichten die Anweisung erhalten haben, sich beim Essen ihres Pausenbrots wegzudrehen, damit fastende Mitschüler sich nicht gestört fühlen. Eine Mutter schilderte der Presse: „Die muslimischen Kinder haben meiner Tochter und ihrer Freundin gesagt: Wir haben Ramadan, du musst jetzt fasten und dein Brot in die Tonne werfen!‘“
Auf Nachfrage erklärte eine Lehrerin die Regel wie folgt: „Wir haben gemeinsam darüber gesprochen, dass Trinken und Essen in den Pausen weiterhin vollkommen in Ordnung ist, aber, dass die Kinder, die nicht fasten, nicht mit ihrem Essen o.ä. provozieren sollen, da auch das vorgefallen ist. Die Kinder sollen sich im besten Fall gegenseitig nicht beim Essen oder Nichtessen beobachten, sodass die ‚Regel‘, sich wegzudrehen, für alle Kinder gilt“. Eltern berichten jedoch von zunehmenden Spannungen im Schulalltag. So sollen einzelne Kinder mit „Würge- und Kotzgeräuschen“ reagiert haben, wenn andere Kinder etwas aßen. Eine Schülerin soll zudem als „hässliches deutsches Mädchen“ beschimpft worden sein.
Marketing im Zeichen des Ramadan
Auch in der Wirtschaft zeigt sich immer wieder, wie stark der muslimische Fastenmonat Ramadan inzwischen in das Marketing und die öffentliche Kommunikation hineinwirkt. Für Diskussionen sorgte zuletzt eine Werbekampagne von McDonald’s, deren Bilder im Internet kursierten und einen Sturm der Entrüstung auslösten. Im Rahmen der Kampagne waren auf digitalen Werbetafeln tagsüber lediglich leere Burger-Boxen und Pommes-Schachteln zu sehen, erst nach Sonnenuntergang erschienen die eigentlichen Produkte. Viele Nutzer interpretierten die Motive als Zeichen dafür, dass sich Unternehmen zunehmend nach den religiösen Vorgaben des Ramadan richten.
Tatsächlich handelte es sich dabei allerdings nicht um eine aktuelle Aktion. Die Kampagne mit dem Titel „Happy Ramadan“ wurde bereits 2023 gestartet und nur einen Tag lang zum Beginn des Fastenmonats ausgespielt. Die Idee stammte von der Agentur Scholz & Friends. Die digitalen Anzeigen waren so programmiert, dass sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang lediglich leere Verpackungen zeigten, also während der Zeit, in der gläubige Muslime fasten. Erst am Abend, wenn das tägliche Fastenbrechen beginnt, wurden Burger und Pommes eingeblendet.
Obwohl die Aktion bereits drei Jahre zurückliegt, sorgte ihre erneute Verbreitung nun wieder für heftige Reaktionen. Dass ausgerechnet eine internationale Fast-Food-Kette ihre Werbeanzeigen an den Tagesrhythmus des muslimischen Fastenmonats Ramadan anpasst, wird von vielen Beobachtern als deutliches Zeichen dafür gewertet, welchen Stellenwert dieser inzwischen auch im europäischen Konsum- und Werbeumfeld einnimmt.
Kritik an einseitiger religiöser Sichtbarkeit
Auch aus der österreichischen Politik kamen in diesem Zusammenhang Signale, die für Diskussionen sorgten. Ende Februar präsentierte die Wiener SPÖ erneut einen Ramadan-Kalender mit Bürgermeister Michael Ludwig. Der Kalender, der bereits zum zweiten Mal aufgelegt wurde, wurde von dem SPÖ-Gemeinderat Omar Al-Rawi öffentlich vorgestellt. Al-Rawi bezeichnete die Aktion als „eine Geste des Respekts und der Anerkennung für die Muslime seiner Stadt“. Auf dem Lesezeichen selbst ist Ludwig abgebildet, daneben steht der Gruß: „Ich wünsche allen Musliminnen und Muslimen einen friedvollen Fastenmonat - eine Zeit des Zusammenhalts und der Solidarität. Ramadan Mubarak!“
Für noch deutlichere Reaktionen sorgte zuvor ein Social-Media-Beitrag von Bundespräsident Alexander Van der Bellen. In der auf Instagram veröffentlichten Grafik stand in großen Lettern „Ramadan Kareem!”, begleitet von orientalischen Laternenmotiven. Erst in der Bildbeschreibung wurde erwähnt, dass gleichzeitig auch die christliche Fastenzeit begonnen hat: „Wenn jetzt die christliche Fastenzeit und der Ramadan beginnen, erinnert uns das daran, innezuhalten, dankbar zu sein und füreinander da zu sein.“
Gerade diese Gestaltung führte zu Kritik: Während der Ramadan auf der Bildkachel prominent hervorgehoben wurde, wurde die christliche Fastenzeit lediglich im Begleittext erwähnt – ein Detail, das in den Sozialen Netzwerken leicht übersehen wird, da viele Nutzer nur das Bild wahrnehmen. In den Kommentaren reagierten zahlreiche Personen entsprechend kritisch. So fragten mehrere Nutzer danach, wo denn ein Beitrag zum Aschermittwoch bleibe. Ein anderer Nutzer merkte sarkastisch an: „Ramadan-Glückwünsche vom Bundespräsidenten. Sehr aufmerksam.“ Wiederum eine andere Nutzerin wünschte stellvertretend allen Christen „eine wunderschöne Fastenzeit“.
Ein besonders ausführlicher Kommentar brachte die Kritik vieler Nutzer auf den Punkt. Darin heißt es unter anderem: „Warum zeigt der österreichische Bundespräsident zum Beginn der Fastenzeit ein Bild mit ausschließlich islamischer Symbolik?” In der Bildbeschreibung würden zwar beide Fastenzeiten erwähnt, doch im Bild stehe lediglich „Ramadan Kareem“, flankiert von orientalischen Laternen. „Keine christliche Symbolik. Kein Bezug zur Bedeutung der Fastenzeit für Millionen Christen in unserem Land.“ Der Kommentar verweist zudem auf die historische Prägung des Landes: „Österreich ist historisch, kulturell und gesellschaftlich christlich geprägt.“ Respekt gegenüber Muslimen sei selbstverständlich, heißt es weiter, „aber Respekt darf nicht bedeuten, die eigene kulturelle Identität unsichtbar zu machen“. Deshalb gelte: „Wer beide Anlässe nennt, sollte auch beide sichtbar würdigen. Alles andere wirkt unausgewogen.“
Religiöse Zeichen im Stadtbild
Und noch ein Fall aus Deutschland: In Freiburg im Breisgau sorgte vor Kurzem eine Entscheidung der Stadt für Diskussionen. Im Seepark wurde nämlich erstmals eine Ramadan-Beleuchtung im öffentlichen Raum installiert. Die Installation sollte während des Fastenmonats das muslimische Leben sichtbarer machen und als „Zeichen für ein gutes Miteinander“ dienen, so die Stadtverwaltung. Das Projekt wurde gemeinsam mit mehreren örtlichen Moscheegemeinden umgesetzt. Oberbürgermeister Martin Horn erklärte im Vorfeld, man wolle religiöse Vielfalt würdigen und ein Signal gegen Diskriminierung setzen. Die parallel beginnende christliche Fastenzeit spielte in der Installation selbst allerdings keine Rolle.
Für Aufmerksamkeit sorgte schließlich eine Aktion der Identitären Bewegung. Aktivisten spannten vor der Beleuchtung ein Banner mit der Aufschrift „Gesegnete Fastenzeit“ auf, über dem ein kleines christliches Kreuz angebracht war. Damit wollten sie eigenen Angaben zufolge einen Gegenakzent setzen. Der Bundessprecher der Bewegung, Maximilian Märkl, veröffentlichte ein Foto der Aktion auf der Plattform X und schrieb dazu: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ Zugleich kritisierte er, der Staat missbrauche deutsches Steuergeld für „Symbole der Unterwerfung“.
So unterschiedlich diese Beispiele auch sind – vom Internats- und Klassenzimmer bis hin zu Werbung, politischer Kommunikation und städtischer Symbolpolitik –, sie verweisen alle auf dieselbe Entwicklung: Der Ramadan ist längst ein Faktor, der den öffentlichen Alltag in Deutschland und Österreich sichtbar mitprägt. Gerade dort, wo religiöse Praktiken, gesellschaftliche Erwartungen und staatliche oder wirtschaftliche Signale aufeinandertreffen, kommt es immer häufiger zu Konflikten und Spannungen.




Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!