Es wurde bereits sehr viel über den fragwürdigen Cast von Christopher Nolans Odyssee-Adaption geschrieben und es wäre müßig, dies alles zu wiederholen. Auf einer rein filmisch-atmosphären Ebene empfand ich Ellen/Elliot Page dabei als deutlich störender als die meisten anderen Besetzungen. Während ich mir durchaus eine antik-griechische Welt vorstellen kann, deren Idee von „Griechentum“ quais „römifiziert“ wurde ‒ auch im späten Rom wurde „Römer sein“ schließlich irgendwann nur noch als eine staatsbürgerliche Kategorie und nicht ethnisch verstanden ‒, ergibt Page als Besetzung des legendären Kriegers Sinon schlicht und einfach keinen Sinn, sowohl hinsichtlich der Physis, der „Aura“ oder schlicht der Stimme, der man nun einmal bei jedem einzelnen gesprochenen Wort anhört, dass sie nicht die eines Mannes ist.
Große Bilder, schwache Inszenierung
Als Kunstwerk hat Nolans Odyssee aber viel größere Probleme. In erster Linie ist es schlicht und einfach kein besonders gelungener Film. Die Szenerien, die Kostüme, das Schauspiel, die Dialoge, sehr viel an diesen 173 Minuten wirkt steril und uninspiriert. Die Rüstungen der Krieger mögen rostfarben sein, man sieht ihnen aber an, dass sie mutmaßlich aus Hartplastik sind. Allen voran der Anführer aus den Troja-Jahren, Agamemnon, sieht aus wie frisch einem Live-Action-Roleplay entflohen.
Matt Damon spielt Odysseus mit einer melancholischen Schwere, die ihn weit entfernt von dem, was die Figur in der ursprünglichen Sage ausmacht, aber gut in den Kontext des Films passt. Denn die Nolen-Odyssee ist ein Film über den Untergang einer Zivilisation. Der Film verwebt historische Berichte über die Seevölker, einer Art Piratenkaste, die mit ihren ständigen Angriffen auf Städte im Mittelmeerraum im 12. Jahrhundert vor Christus mutmaßlich mitverantwortlich waren für den weitflächigen Kollaps bronzezeitlicher Hochkulturen im gleichen Jahrhundert, mit dem Sagenstoff Homers. Schon zu Beginn des Films wird Odysseus mit raunenden Gerüchten über die Umtriebe der Seevölker konfrontiert, sein Königreich scheint zu zerfallen und während seiner langen Abwesenheit belagern schurkische Banden seinen Palast, fressen seine Vorräte und geifern seiner Frau hinterher.
Diese Untergangsstimmung prägt auch den visuellen Stil des Films. Anstatt der sonnendurchfluteten Mittelmeerwelt, die man angesichts des Settings erwarten könnte, erwarten den Zuschauer zuweilen ausgesprochen „nordisch“ wirkende Landschaften (tatsächlich wurde unter anderem auch in Schottland und Island gedreht). Das mag rechtfertigbar sein, nervig wird es aber beim Filmbild an und für sich: Nolan hat die Farbpalette seines Streifens gehörig heruntergefahren und alles in einen gelblich-grauen Einheitston getunkt. Das könnte man, wenn man wollte, als bewusste stilistische Entscheidung interpretieren, wenn das nicht der Fakt wäre, dass seit mittlerweile knapp 20 Jahren fast jeder Film, der irgendwie ernst, erwachsen oder tiefsinnig wirken möchte, so aussieht. Nolans eigenen vergangenen Filme hatten ja größtenteils bereits einen ähnlichen Look.
Klischees und verschenkte Chancen
Es ist schwer zu sagen, wann dieser Trend begann. Vielleicht war es David Fincher, der seinem Film Se7en bereits 1995 diesen gelb-grauen-Filter verpasste, zu einer Zeit, als Hollywoodfilme noch recht bunt aussahen. Das war cool, ist es sogar heute noch, da aber mittlerweile fast jeder Film so aussieht, und zwar als Default-Look, ist es bei der Odyssee schlicht nervig und wirkt, um dieses Wort noch einmal zu benutzen, uninspiriert. Wie viel spannender hätte es da sein können, die unglaublich sinnlichen Farben der mediterranen Welt bewusst zu zelebrieren und gerade trotz dieser Pracht eine Untergangsstimmung spürbar zu machen? Über eine versinkende Welt einen Grauschleier zu klatschen, ist wie eine Beerdigungsszene im strömenden Regen zu präsentieren: ein derart billiges Klischee, das man sich als Zuschauer unwillkürlich an den Kopf fassen will.
Sicherlich gibt es auch gelungene Elemente: Die Sage rund um den Zyklopen Polyphem wurde zwar von allen Details befreit und auf ihre nacktesten Bestandteile heruntergestutzt, als losgelöste eigene kleine Horrorepisode funktioniert sie aber recht gut. Als Odysseus und seine Männer auf der Insel landen, herrscht dort bedrohliche Stille, das erste Schaf des Zyklopen, welches sie in die Höhle des Ungetüms lockt, wirkt unheimlich, und als der Zyklop selbst in seine Höhle zurückkehrt und die Mannschaft erstmals begreift, in wessen Fänge sie geraten ist, ist das Entsetzliche der Situation mit Händen zu greifen.
Vergleichsweise lustlos wirken hingegen die Epsioden rund um Circe und die Laistrygonen. Erstere schafft es, während sie die Männer in Schweine verwandelt, nicht, ein wirkliches Gefühl von Bedrohung und Mystik aufkommen zu lassen, und auch wenn Angedeutetes und Halbverborgenes in der Kunst meist wirkungsvoller ist als die volle Breitseite, scheint die Verwendung von Body-Horror-Elementen ‒ Circe massiert die Köpfe der Männer mit sichtlich sinistren Vergnügen, formt sie unter lauten Knack- und Schmatzlauten direkt zu Rüsselträgern um ‒ zu zaghaft, um wirklich verstörend zu sein. Gerade hier hätte es sich gelohnt, visuell wirklich ins Bizarre und Seltsame zu gehen, um Wirkung zu erzeugen. Besser wäre es hier gewesen, wirklich in David-Cronenberg-Territorium zu gehen ‒ oder sich einen völlig anderen Ansatz zu überlegen.
Ein Ende voller Widersprüche
Die viel gescholtene linke Botschaft des Films ist tatsächlich eigentlich sein interessantester Aspekt. Nachdem Odysseus nach langer Reise schließlich wieder heimkehrt und die Plagegeister aus seinem Palast entfernt hat, vertraut er sich seiner Gattin Penelope an: Angesichts der List, mit der er sich damals Zugang zu Troja verschaffte (das berühmte Pferd) und der anschließenden gnadenlosen Zerstörung der Stadt, kämpft er mit Schuldgefühlen und wird von der Vorstellung gequält, sich seinen Sieg unehrenhaft und heimtückisch erschlichen zu haben. „Ihr seid die Seevölker!“, ruft Penelope daraufhin entsetzt aus.
Und zu diesem Schluss scheint auch Odysseus zu gelangen. Die furchtbare, zerstörerische, fremde Macht, vor der sich die Griechen so sehr fürchteten, waren sie am Ende selbst und haben ihre Legitimation, eine Hochkultur zu sein, somit verspielt. Es braucht kein Genie, um zu erkennen, dass Nolan hiermit wohl die westliche Zivilisation meint und beim Schreiben des Drehbuchs möglicherweise Bilder aus Vietnam, dem Irak oder möglicherweise dem Gaza-Streifen im Kopf gehabt haben mag (sehr sicher werden sie vielen seiner Kollegen in Hollywood sowie einigen Zuschauern vor Augen gestanden haben). Viel seltsamer ist allerdings, was im Film anschließend geschieht: Odysseus ernennt seinen Sohn, der ihm in langer Abwesenheit die Treue gehalten hatte, zum König, und geht ins Exil. Er restauriert also das monarchische System, welches er eben noch als gescheitert ansah, statt es aufzulösen oder zu dekonstruieren. Nach all der Düsternis laufen am Ende somit einige durchaus merkwürdige Motive zusammen: Das eines Systems, welches sich sowohl durch ein Blutbad als auch durch eine Selbsthinterfragung selbst erneuert (und zwar auf eine denkbar illiberale Art), sowie der demonstrativen Hoffnung auf die nachrückende Generation. Man fühlt sich unwillkürlich ein wenig and David Engels Hesperialismus-Konzept erinnert. Ob das Nolan wirklich so gemeint haben kann?




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