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Kultur

Wer die Kunst will, braucht die Macht

Warum scheitern Versuche, eine kulturelle Gegenbewegung aufzubauen, trotz großer finanzieller Mittel immer wieder? Entscheidend sind nicht Markt oder Kapital, sondern die politischen Machtverhältnisse, die bestimmen, welche Kunst entstehen und Bestand haben kann.

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An Christopher Nolans Odyssee entzündet sich eine grundsätzliche Debatte darüber, welche Rolle Machtverhältnisse für die Entstehung von Kunst spielen. (Bild: IMAGO / Cinema Publishers Collection)

Kapitalismuskritisch kann man den Zustand von Kunst und Kultur nicht erklären, denn die Kunst war und ist immer eine Ware. Doch der Künstler arrangiert sich mit der Macht und macht gerade deshalb gute Kunst. Nolans Verfilmung der Odyssee hat mal wieder die Frage aufgeworfen, woher denn die Macht über die Kultur kommt und wie man sie erringt. Nehmen wir Ariadnes Faden am Endpunkt auf und fangen mit dem absurdesten und gleichzeitig erhellendsten Teil dieser Geschichte an: Elon Musk hat versprochen: „Bevor dieses Jahr endet, wird Grok Imagine einen vollständigen Film der Odyssee machen, der historisch richtig und der Kunst Homers treu ist.“

Lassen wir die KI-Kritik hier beiseite. Lassen wir auch unbeachtet, dass wir es hier einmal mehr mit einem Fall von Elon Musks vorzeitigem Hype zu tun haben. Es mag sein, dass es einmal möglich sein wird, mithilfe künstlicher Intelligenz einen vollständigen Film zu drehen, aber sicher nicht noch dieses Jahr.

Diese Einwände laufen nämlich ins Leere. Die die Hände ins Gesicht schlagende Aufforderung: „Bezahle doch einfach einen Regisseur!“, zielt daneben. Ein solches Mäzenatentum hatte Musk auch zuerst angedacht. Nur scheint er dann bemerkt zu haben, dass dies selbst seine finanziellen Möglichkeiten bei Weitem übersteigen würde. Natürlich, die Produktionskosten für einen Blockbusterstreifen wären nicht einmal ein Tausendstel seines Billionenvermögens. Doch welcher Regisseur sollte den Auftrag übernehmen? Welche Schauspieler von Rang sollten sich unter Vertrag stellen lassen? Welche Kameraleute? Welche Kostümdesigner? Welche Tontechniker? Welche Filmschneider? Und so weiter und so fort. Niemand, der danach noch in einer von der politischen Linken beherrschten Filmbranche irgendeine Besetzung bekommen will. Es hat ja seinen Grund, dass als einziger konkreter Name für ein Gegenprojekt Mel Gibson gefallen ist, ein Mann, der sich vor zwanzig Jahren einmal mit Hollywood überwarf. Dass Gibson sich längst wieder mit dem Filmestablishment ausgesöhnt hat und seine damaligen Skandalkommentare im Suff während einer Ehekrise zustande gekommen waren, übersieht man dabei großzügig.

Ein Film braucht ein eigenes Umfeld

Also vor zwanzig Jahren hätte man vielleicht einen Regisseur von Rang gefunden, jetzt gar niemanden. Soll Elon Musk den Auftrag an Uwe Boll geben? Dass auch nur ein B-Schauspieler wie Armie Hammer sich für die Hauptrolle in Citizen Vigilante hergegeben hat, liegt ausschließlich daran, dass Hammers Karriere durch einen MeToo-Vorfall bereits zerstört war. Was wären also die Kosten eines rechten Films? Die Kosten eines rechten Films wären die Kosten eines rechten Hollywoods, einer ganzen Filmindustrie. Das ist ein bisschen mehr, als das selbst Elon Musk aus den laufenden Einnahmen bestreiten kann.

Kunst kostet Geld. Ist immer Ware, immer schon gewesen. Kunst steht in einer beständigen Wechselwirkung zu ihrem eigenen Verwertungszusammenhang. Ohne diesen würde sie gar nicht existieren. Es ist nicht so, dass irgendwo eine reine Kunst herumschwebt, bis sie in die Niederungen der Kulturindustrie herabgezogen wird. Hätte es die Bauherren der Renaissance nicht gegeben, dann wäre Michelangelo nicht etwa verkannt gewesen, er wäre nie der Maler und Bildhauer Michelangelo geworden, weil es keine Tradition der Maler und Bildhauer gegeben hätte, die er hätte erlernen können. Dasselbe gilt für Mozart und die höfische Konzertkultur des 18. Jahrhunderts. Für die Beatles und den Schallplattenhandel. Und auch für Homer und die griechischen Höfe, an denen die Rhapsoden auftraten. Wenn der Kommerz an sich die Kunst verdirbt, dann dürfte es nur schlechte Kunst geben, weil der Kommerz die Grundbedingung jeder Kunst ist. Kunst gedeiht nur dort, wo der Künstler davon leben kann.

Damit unterscheidet sich Kunst grundsätzlich von Bereichen menschlichen Lebens, die tatsächlich außerhalb einer Marktbeziehung stehen können. Die Debatte um die Leihmutterschaft ist deshalb so verbittert, weil neue Technologien die Austragung eines fremden Kindes als Dienstleistung ermöglichen, was früher eben nur die genetische Mutter für ihr eigenes Kind machen konnte.

Warum der Markt künstlerische Vielfalt ermöglicht

Jede Kunst ist von der Art ihrer Kommerzialisierung geprägt, aber es gibt keine einheitliche degenerierende Wirkung der Kulturindustrie. Nehmen wir diesen Ausdruck Kulturindustrie beim Wort, dann gab es im 20. Jahrhundert keine industrialisierteren Kulturzweige als Film und Musik. Beide lebten und leben vom Vertrieb von Kopien, von der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes, über die Walter Benjamin sich so den Kopf zerbrochen hat. Vergleicht man aber das Schicksal von Film und Musik in den letzten hundert Jahren mit dem der bildenden Künste, in denen immer noch ein Original von einem Künstler händisch verfertigt wird, um dann seinen Abnehmer zu finden, dann kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die Konsumentenmasse ein besserer Patron der Künste gewesen ist als die reichen Mäzene, für die das Kunstinvestment entweder Statusgehabe oder Steuersparmodell ist. Auch lässt sich gut begründen, dass das Theater schlimmer gelitten hat als der Film, weil es eben nicht von Ticketverkäufen, sondern von staatlichen Förderungen lebt, also weniger der Erfolg beim Publikum als die Gunst von Kunstexperten in irgendeiner Kommission über das Schicksal der Intendanten entscheidet.

Die Verwertung der Kunst an sich erklärt also nicht, warum die Kunst diese oder jene politische oder weltanschauliche Richtung eingenommen hat. Im Gegenteil: Vermarktungsmöglichkeiten schaffen künstlerische Freiheit. Die immense kreative Vielfalt in der Musik von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre wäre niemals möglich gewesen, wenn die Massenvermarktung über den Tonträger es nicht noch der obskursten Stilrichtung erlaubt hätte, ihre Szene zu finden und mit ihrer Musik zu beliefern. Die Voraussetzung war freilich, dass es eine solche Szene überhaupt gab. Das ist der Grund, aus dem der Rechtsrock der Skinheadbewegung bis heute die Musik der Rechten ist. Selbst in Gruppen und Milieus, in denen er eigentlich verpönt bis verboten ist, ist das nur eine Frage der Länge der Autofahrt oder der Dauer des Abends. Einfach weil es eine andere rechte Musik nicht gibt. Weil die Skinheads die letzte rechte Szene waren, die eine eigene Musikrichtung kommerziell getragen hat.

Politische Macht statt Marktlogik

Der Markt erzwingt Profitabilität. Das kann dazu führen, dass Nischenprodukte an den breiteren Geschmack angepasst werden. Was übrigens keineswegs automatisch zu kommerziellem Erfolg führt; es kann genauso das eigene Kernpublikum verprellen, ohne die erhofften Gewinne aus dem breiteren Massenmarkt zu erzielen. Doch eines ermöglicht der Markt nicht: aktive Sanktion. Das Schlimmste, was jemand tun kann, um einem Produkt zu schaden, ist, es nicht zu kaufen. Die Nichtkäufer sind dem Produzenten einer Ware aber egal, solange er Käufer hat. Eine Metalband macht Musik für Metalfans, und wenn Hip-Hop-Fans das schrecklich finden, dann gibt es trotzdem nichts, was sie dagegen tun können.

Darin unterscheidet sich der Markt von politischer Macht. Politische Macht kann ungewolltes Verhalten sehr real sanktionieren. Dies ist der Grund, aus dem die Kunst der politischen Macht folgt und dies immer schon getan hat, seit der erste Barde kapiert hat, dass es nicht nur einträglicher, sondern auch gesünder ist, Loblieder statt Spottlieder auf den Häuptling zu singen. Das heißt übrigens nicht, dass der Markt gut und die Politik böse sind. Das Politische ist Teil der menschlichen Existenz. Dass es einen von der Politik befreiten Markt überhaupt geben könnte, ist eine libertäre Fantasie. Aber die Umkehrung dieser Fantasie unter negativem moralischen Vorzeichen macht sie nicht richtiger. Die linke Kulturdominanz ist nicht von Künstlern errungen worden und auch nicht das Geschenk des liberalen Kapitalismus. Sie wurde durch politische pressure groups erkämpft. Und ich benutze bewusst diesen englischen Ausdruck, weil das deutsche „Einflussgruppen“ viel zu zahm ist. Diese pressure groups machen harten Druck, bis ins persönliche Leben hinein. Aus diesem Grund kann selbst Elon Musk keine rechte Odyssee bezahlen.

Warum Künstler der Macht folgen

Wer die Kunst will, braucht die Macht. Es läuft nicht umgekehrt, dass jemand Kunst schafft, um eine metapolitische Hegemonie zu erringen. Ganz einfach deshalb nicht, weil das zuverlässig zu saumäßig schlechter, abgrundtief peinlicher Kunst führt. Citizen Vigilante lässt grüßen. Das scheint erst einmal kontraintuitiv. Wieso soll einer politischen Bewegung die reine rohe politische Macht einem bessere Kunst einbringen als der Versuch, Kunst im eigenen politischen Sinne zu machen? Ganz einfach: Weil ein guter Künstler in erster, zweiter, dritter und zehnter Linie Künstler ist. Und erst in elfter Linie vielleicht eine politische Meinung hat. Und diese Meinung wird er in aller Regel stark daran angepasst haben, was es ihm ermöglicht, seine Kunst zu machen. Warum denn auch nicht? Künstler zu sein ist Lebensrisiko genug. Warum zum Henker sollte ein Künstler seine Möglichkeit, Kunst zu machen, gefährden, um einer oppositionellen politischen Meinung willen? Das haben übrigens auch all die linken Künstler 68 ff. nicht gemacht. Die sind mit Love and Peace gut gefahren, und das war ihnen auch klar, weil sie die politische Rückendeckung bereits hatten.

Die Linke ist in der Kulturpolitik der Häuptling, der ungehalten reagiert, wenn über ihn gespottet wird und der Lobpreisungen verlangt. Konservative tun das kaum, auch dann nicht, wenn sie formell die politische Macht gerade in Händen halten. Das ist kein Versehen, sondern der Kern des real existierenden Grundkonsenses westlicher Demokratien. Eine Gesellschaft kann nicht in zwei Richtungen gezogen werden, ohne auf Dauer zu zerreißen, deshalb lautet der Grundkonsens, dass die einzige Richtung, in die sich irgendetwas bewegen darf, die linke Richtung ist. Konservative erhalten im Gegenzug dafür den Löwenanteil der Posten und Pfründe. Letzteres passiert automatisch: In westlichen Gesellschaften steht die politische Klasse im Schnitt deutlich links der allgemeinen Bevölkerung, auch die politische Klasse der konservativen Parteien. Also erhalten Konservative als rechter Rand des zugelassenen Spektrums die meisten Stimmen. Dazu passt die Mentalität der Konservativen, die selbst nicht an die Legitimität der eigenen Herrschaft oder Weltanschauung glauben, gleichzeitig aber von der perversen Überzeugung getragen werden, dass Posten und Pfründe ihnen von Gottes Gnaden her zustehen.

Kulturpolitik beginnt mit Grenzen

Die Reaktion derjenigen, die Nolans Odyssee allein schon wegen der Besetzung boykottiert haben, war dem Instinkt nach richtig. Auch wenn ihnen immer noch die politische Macht fehlt, schmerzhafte Sanktionen zu verhängen. Sie schaffen wenigstens ein politisches Bewusstsein dafür, dass man mit einmal errungener Macht vielleicht etwas mehr tun sollte, als über den allgemeinen Kulturverfall zu klagen und darüber. Falsch lagen all diejenigen, die entweder aus Liberalität oder aus lagerinterner Widerspruchslust meinten, auf Teufel komm raus irgendetwas Gutes an Nolans Odyssee zu finden. Bruno Wolters hat gesagt, „Nolan darf das.“ Als Zustandsbeschreibung ist das richtig. Als Problembeschreibung aber auch. Das muss sich ändern.

Das Ziel rechter Kulturpolitik kann nicht sein, irgendeine Kunst erzwingen zu wollen. Kunst anordnen kann man nicht. Was man sehr wohl kann, ist Kunst verbieten. Diese Macht haben heutzutage die Linken. Verbieten klingt so negativ, aber es wird akzeptiert, weil es die sanfteste Form der Kontrolle ist. Kunstprojekte müssen nämlich von Künstlern gemacht werden, nicht vom neurechten Kulturpolitikausschuss. Künstlern zu sagen, was sie tun sollen, sperrt sie in ein Korsett, aus dem sie dann nicht um der Politik, sondern um ihrer Kunst willen auszubrechen versuchen. Man kann ihnen aber sehr wohl sagen, was sie zu lassen haben. Schwarze Helenas und achäische Transkrieger gehören zu Letzterem. Und wenn man die linke Verbotsmacht bricht, dann können sogar Leute, die nicht Elon Musk sind, einen rechen Film finanzieren.

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