In der klassischen Tragödie kommt der Augenblick der Erkenntnis – die anagnorisis – immer zu spät. Der Held sieht endlich, was er die ganze Zeit hätte sehen müssen, aber im selben Moment wird klar, dass die Erkenntnis nichts mehr ändern kann. Was sich seit Wochen in der Bundes-SPD vollzieht, ist nicht der Anfang einer politischen Wende, sondern die genaue dramatische Struktur dieser Tragik: Drei sozialdemokratische Veteranen sprechen kurz hintereinander aus, was sie jahrelang nicht aussprechen wollten – und alle drei sprechen es so aus, dass es folgenlos bleibt. Sigmar Gabriel, Torsten Albig, Peer Steinbrück: drei Stimmen, drei Bühnen, drei Stadien derselben Erkenntnislogik.
Erster Akt: Gabriel und der verspätete Realismus
Sigmar Gabriel hat im Podcast von Paul Ronzheimer offen ausgesprochen, was bis vor kurzem im politischen Berlin als anrüchig galt: Europa müsse direkt mit Wladimir Putin verhandeln, „Russland wird Teil Europas bleiben“. Es ist eine Forderung, die die AfD seit Jahren erhebt – und die in genau dieser Erhebung jahrelang als russlandnah, putinfreundlich, demokratiegefährdend abgewiesen wurde.
Gabriel kann diese Wahrheit aussprechen. Aber er kann sie nur aussprechen, indem er sie zugleich verleugnet. Im selben Atemzug, in dem er die AfD-Position übernimmt, watscht er die AfD ab. Wäre er ehrlich, müsste er sagen: Die AfD hatte recht, die SPD hatte unrecht, der Schaden ist angerichtet. Stattdessen wird die AfD weiter klein geredet – nicht aus Kalkül allein, sondern aus Selbstschutz.
Es ist dasselbe Muster, das Gabriel 2015 mit einem einzigen Wort begonnen hat. Sein „Pack“-Satz in Heidenau war konkret gegen gewaltbereite Randalierer gerichtet, wurde aber zur politischen Chiffre: Die SPD sprach nicht mehr zu den Leuten, sondern über sie. In dem Raum, den sie damit geräumt hat, ist die AfD gewachsen. Heute, elf Jahre später, übernimmt Gabriel deren außenpolitische Position – und besteht zugleich darauf, dass die AfD nicht damit in Verbindung stehen darf. Das ist nicht billige Heuchelei, sondern vielmehr die strukturelle Notwendigkeit, das eigene Versagen nicht anerkennen zu müssen.
Zweiter Akt: Albig und der Lobbyistenstuhl
Torsten Albig hat in der Neuen Osnabrücker Zeitung das dänische Modell empfohlen – Minderheitsregierungen, die im Einzelfall von der AfD toleriert werden. „Wenn 30 Prozent diese Partei wählen, können wir nicht auf Dauer so tun, als wäre das die Ausgeburt der Hölle.“ Alte Genossen träten „eins zu eins in die AfD ein, und das sicher nicht, weil die alle Nazis geworden sind“. Auch Albig kann diese Wahrheit aussprechen – aber er kann sie aussprechen, weil er kein Amt mehr hat. Als Lobbyist von Philip Morris, weit weg von jeder Apparatlogik der SPD, kostet ihn der Satz nichts. Genau das macht ihn aber zum Spiegel des Problems: In der Bundes-SPD ist die Wahrheit über die Brandmauer nur außerhalb der Funktionen sagbar. Wer drinnen ist, muss schweigen oder sich abgrenzen; wer draußen ist, kann reden, ohne dass es etwas ändert.
Dritter Akt: Steinbrück und der Klartext mit Sicherheitsabstand
Peer Steinbrück, der intellektuell schwerste lebende SPD-Veteran, hat im selben Podcast-Format das Strukturproblem so präzise beschrieben wie selten jemand vor ihm. Die Parteien des „demokratischen Zentrums“ – sein Wort – seien zu „selbstreferentiellen Systemen“ geworden. Politische Karrieren liefen nicht über die Berührung mit dem Bürger, sondern über die Delegiertenkonferenz und das Singen des „parteiverträglichen Kodex, am besten schrill“. Wer den Kodex nicht singen will, kommt nicht auf den Listenplatz eins, zwei, drei. So produzieren die Parteien jenes Personal, das niemand mehr wahrnimmt – Funktionäre, die ihren eigenen Apparat verwalten, statt mit dem Land zu sprechen.
Steinbrück sagt offen, was die meisten anderen verschweigen: Die Agenda 2010 sei in Wahrheit richtig gewesen, die SPD habe sie „mit angezogenen Schultern“ verleugnet und damit den Reformerfolg an Merkel verschenkt. Die „Elefanten im Raum“ – Migration, Demografie, Verteidigung, Energie, kommunale Haushalte – seien jahrzehntelang nicht angesprochen worden, weil weder Politiker noch Wähler „gestört werden“ wollten. Das Kölner Rheingold-Institut habe es einmal so formuliert: Die Deutschen wollten sich „bequem in einer permanenten Gegenwart“ einrichten – und gleichzeitig von der Politik Reformen verlangen, deren Zumutung sie dann wieder nicht akzeptieren.
Besonders bitter ist Steinbrücks Diagnose der Bundestagswahl 2021. „Scholz ist nicht gewählt worden, weil er in der SPD ist, sondern obwohl er in der SPD ist.“ Der Sieg sei strukturell missverstanden worden: Die SPD habe sich gefeiert, obwohl ihr Wahlerfolg vor allem Ausdruck der CDU-Müdigkeit nach sechzehn Merkel-Jahren war. Aus dieser Fehldeutung sei das Gerede vom „sozialdemokratischen Jahrzehnt“ entstanden – eine Selbsttäuschung, die der notwendigen tiefenscharfen Analyse der vorausgegangenen Wahlniederlagen den Weg verstellt habe.
Am schärfsten wird Steinbrück, wo er von einem konkreten Erlebnis berichtet. Auf einer Hauptversammlung von Borussia Dortmund – also in einer Stammhauptstadt der Sozialdemokratie – sei ein Mann auf ihn zugekommen und habe gefragt: Wenn er als Arbeitnehmer drei, vier Mal zu spät zur Arbeit komme, müsse er mit einer Abmahnung rechnen. Und wenn der Hartz-IV-Empfänger, „den ich ja mitbezahle mit meinen Sozialversicherungsabgaben“, drei, vier Mal den Termin beim Jobcenter nicht wahrnehme – werde der dann ebenfalls abgemahnt? Steinbrück sagt selbst: „Da war mir glasklar, diese Konstruktion ist falsch.“ Das Prinzip „Fördern und Fordern“ sei in Wahrheit nie konsequent durchgesetzt worden, der Akzent habe immer auf dem Fördern gelegen – und genau in dieser Asymmetrie liege der Vertrauensverlust der klassischen Arbeiterschaft in die SPD begründet.
Wo Steinbrücks Analyse an ihre Grenzen stößt
Zur AfD beobachtet er taktisch, dass die CDU-Strategie, die AfD durch Übernahme ihrer Positionen schlagen zu wollen, „ein massiver Fehler“ sei. Sie könne die AfD in der Migrationspolitik nicht übertreffen – „dann wird das Original gewählt“. Das ist eine richtige Einsicht, hat aber Konsequenzen, die auch er aber gerade nicht zieht, wenn er gleich wieder sagt, etwa die Hälfte der AfD-Wähler, sei „manifest rassistisch und nationalistisch“, nur die andere Hälfte „schlicht und einfach enttäuscht“.
Diese Hälftelung ist natürlich ein Propagandarelikt und empirisch nicht haltbar – die AfD-Wählerschaft setzt sich aus Arbeitern, Angestellten, Selbständigen und Mittelständlern zusammen, also aus den klassischen Leistungsschichten. Die Hälftelung erlaubt es Steinbrück, die strukturelle Frage – warum bleibt eine Partei, deren Wählerschaft er zur Hälfte für anschlussfähig hält, dennoch in toto unberührbar? – nicht stellen zu müssen. Hätte er sie gestellt, lautete die nächste Frage: Warum kann die SPD die Themen dieser Wähler nicht selbst besetzen, wenn sie die Wähler nicht für Rassisten hält?
Hinzu kommt die Warnung: Die „magische Grenze“ für die SPD seien zehn Prozent – von dort aus könne eine „sehr schnelle Rutschbahn“ beginnen. Steinbrück nennt die französische und italienische Sozialdemokratie als Beispiele dafür, dass Parteiensysteme in Europa „zunehmend volatil“ geworden seien und dass auch eine 165 Jahre alte Partei den 175. Geburtstag nicht zwingend feiern werde. Es geht also um die Existenz, auch wenn er sie nicht systematisch zur Frage nach dem politischen Ausweg vertieft, weil dieser Ausweg den Tabu-Rahmen sprengen würde. Steinbrück sitzt in der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ und nach eigener Aussage „in Kontakt mit Lars Klingbeil“ – und genau deshalb muss er die Konsequenz seiner eigenen Analyse vermeiden. Je näher am Apparat, desto vorsichtiger die Schlussfolgerung. Je weiter weg, desto direkter. An keinem Punkt der Skala ist jemand bereit, das Naheliegende auszusprechen: Die Brandmauer muss fallen, oder die SPD wird mit ihr fallen.
Die Mechanik der Tragödie
Was sich hier abspielt, hat eine eigene Struktur, und sie ist tragisch im klassischen Sinn.
Erstens: Die Erkenntnis ist da. Gabriel weiß, dass die AfD in der Russlandfrage einen realpolitischen Punkt hatte. Albig weiß, dass alte SPD-Wähler nicht „Nazis“ geworden sind, sondern schlicht eine andere politische Heimat gefunden haben. Steinbrück weiß, dass die etablierten Parteien sich zu „selbstreferentiellen Systemen“ verschlossen haben und dass die CDU die AfD nicht mehr durch Übernahme ihrer Positionen schlagen kann.
Zweitens: Die Konsequenz wird nicht gezogen. Jeder Sprecher fügt der Erkenntnis im selben Atemzug eine Abgrenzung von der AfD hinzu, die der Erkenntnis selbst widerspricht. Gabriel will Realpolitik – aber die AfD muss falsch bleiben. Albig will das dänische Modell – aber die ideologische Schmuddelmarke bleibt. Steinbrück will Klartext – aber die Hälfte der AfD-Wähler bleibt „manifest rassistisch“.
Drittens: Diese gespaltene Sprache ist nicht zufällig, sondern strukturell. Sie ist die einzige Form, in der die Wahrheit überhaupt sagbar bleibt. Wer die volle Konsequenz zöge, müsste die eigene Mitschuld am Aufstieg der AfD anerkennen, die eigene Verleumdung der politischen Mitte revidieren und die Brandmauer als das benennen, was sie ist: nicht ein Schutz der Demokratie vor dem Extremismus, sondern ein Schutz der alten Parteien vor den Konsequenzen ihres eigenen Versagens.
Damit ist der eigentliche Befund formuliert: Die Brandmauer steht nicht zwischen der Demokratie und der AfD. Sie steht zwischen der SPD und ihrer eigenen Wahrheit.
Das Dilemma
Aus dieser Mechanik erwächst das tragische Dilemma der späten Sozialdemokratie. Hält sie die Brandmauer aufrecht, erleidet sie fortgesetzten programmatischen Bedeutungsverlust: Die SPD schrumpft auf 13 Prozent, dann auf zehn, dann darunter. Die Wähler, deren Sorgen sie nominell ernst nimmt, wählen weiter das Original. Die Funktionäre verwalten den Niedergang.
Löst die SPD die Brandmauer, muss sie zugeben, dass die AfD politisch recht hatte – und damit, dass die Partei jahrelang gegen ihre eigenen historischen Wähler regiert hat. Sie würde sich der institutionellen Selbstaufgabe preisgeben: Eine SPD, die die Brandmauer ernsthaft in Frage stellt, ist nicht mehr die SPD, wie sie sich seit zehn Jahren definiert hat. Sie müsste ihre eigene Vergangenheit revidieren – Gabriel 2015, Schwesigs Anti-AfD-Rhetorik, Bas’ Verfahrensausschluss-Politik. Diese Revision würde die Spitze Klingbeil/Bas nicht überleben.
Das ist die Definition der Tragödie. Nicht ein Fehler unter mehreren möglichen Wegen, sondern die Unmöglichkeit eines richtigen Wegs unter den gegebenen Bedingungen. Die SPD steht nicht vor einer Wahl zwischen Klugheit und Dummheit. Sie steht vor einer Wahl zwischen zwei Formen des Untergangs.
Die AfD als Zeugin
Die AfD muss in dieser Tragödie nichts tun. Sie ist nicht Akteurin des Dramas, sondern Zeugin. Sie steht dort, wo die Wähler stehen. Sie hält die Themen besetzt, die der SPD entglitten sind – Migration, Energie, innere Sicherheit, Verteidigung, Realpolitik in der Russlandfrage. Sie wird nicht moderater werden müssen, weil das deutsche Politik-Setup ihr keine Chance lässt, moderater zu werden, ohne sich gegen sich selbst zu wenden.
Sie wartet. Sie regiert in den Kommunen. Sie wird in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt Verantwortung übernehmen – ob unter formaler Brandmauer-Aufhebung, über das von Albig vorgeschlagene dänische Modell oder über stillschweigend wechselnde Mehrheiten. Was sie nicht braucht: das Einverständnis derer, die jahrzehntelang gegen sie geredet haben.
Anagnorisis ohne Katharsis
In der griechischen Tragödie folgt auf die Erkenntnis die Katharsis – die Reinigung, die Klärung, die neue Ordnung. In der Berliner Republik bleibt sie aus. Gabriel, Albig und Steinbrück sind nicht Sprecher einer kommenden Klärung, sondern die literarische Form ihrer Unmöglichkeit. Sie erkennen die Wahrheit und sprechen sie aus – aber sie sprechen sie in einer Sprache, die die Wahrheit zugleich neutralisiert. Sie sind die anagnorisis ohne katharsis.
Albig hat nicht die Brandmauer eingerissen. Er hat nur ausgesprochen, dass hinter ihr längst nicht mehr die Demokratie steht, sondern die Angst der alten Parteien vor ihrer eigenen Entleerung. Gabriel hat nicht die russlandpolitische Linie gewendet. Er hat nur eingestanden, dass eine außenpolitische Notwendigkeit jahrelang als moralisches Vergehen behandelt wurde. Steinbrück hat nicht die Brandmauer in Frage gestellt. Er hat nur die strukturellen Bedingungen beschrieben, unter denen sie zur DNA des SPD-Niedergangs geworden ist.
Was bleibt, ist ein Schauspiel ohne Ende und ohne Auflösung. Eine Partei, die ihre eigene Wahrheit kennt, sie nicht aussprechen darf und an dieser Spaltung zugrunde geht. Eine Brandmauer, die nicht mehr die Demokratie schützt, sondern den Apparat. Eine AfD, die nichts mehr beweisen muss, weil ihre Gegner es Stück für Stück selbst tun. Das ist die SPD-AfD-Tragödie der späten Berliner Republik. Sie wird nicht durch eine Krise beendet, sondern durch das langsame Versickern einer Erkenntnis, die niemand handlungsfähig machen will. Wer der Frage entgehen will, dem bleibt am Ende nur das Schweigen – oder, wie bei Gabriel, Albig und Steinbrück, das halbe Wort. In beiden Fällen ist das Drama längst zu Ende.







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