Auf den ersten Blick zeichnen die letzten Umfragen ein unspektakuläres Bild, das jedoch politisch hochbedeutsam ist: Die AfD scheint einen Sättigungspunkt erreicht zu haben. Das aktuelle Stimmungshoch ist stabil, aber nicht unbegrenzt. Kurz- bis mittelfristig sind Rückgänge um zwei bis fünf Prozentpunkte nicht nur möglich, sondern im Rahmen normaler politischer Wetterlagen sogar wahrscheinlich. Nicht, weil plötzlich eine moralische Läuterung oder politische Reform durchs Land ginge, sondern weil jeder Proteststrom irgendwann auf seine natürlichen Ufer trifft.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wird die AfD abstürzen? Sondern: Warum tut sie es nicht, obwohl ihre strategischen Grenzen offenkundig sind? Wer nüchtern auf die Daten blickt, erkennt weniger eine Bewegung mit eigener Dynamik als eine Partei, die von der Erosion der anderen profitiert. Ist dieser Punkt der Konsolidierung ein Zeichen politischer Reife oder das schlichte Ende der Mobilisierungsreserven einer Bewegung, die einst mit radikalem Elan antrat, um „das System“ zu erschüttern, und nun in der Routine der Landtage und Parlamentsarbeit versandet ist?
Das Ende eines Phantom-Rivalen
Zunächst gebührt der Blick dem politischen Umfeld. Das Bündnis Sahra Wagenknecht, das medial zeitweise als ostdeutsche Abrissbirne gegen die AfD gehandelt wurde, ist faktisch erledigt. Es war ein Projekt der Kommentarspalten und Talkshowstudios: eine Ersatzopposition, die konservative Protestenergie abfangen sollte, ohne das System grundsätzlich zu gefährden. Der Versuch, soziale Wut und nationale Skepsis in ein linkspopulistisches Gehäuse zu pressen, ist in sich zusammengefallen – nicht zuletzt, weil das Personal zu wenig Bodenhaftung hatte und die Konstruktion zu sehr nach Labor roch.
Die frühere BSW-Wählerbasis zeigt in Potenzialanalysen eine bemerkenswerte Volatilität: Sie ist derzeit für nahezu alle Parteien verfügbar, schwankt zwischen Lagerwechsel und Nichtwahl, zwischen Frust und politischer Müdigkeit. Ein gezielter Abfluss zulasten der AfD ist daraus jedoch nicht mehr ableitbar. Der BSW-Hype war ein Zwischenrauschen, kein Gegengewicht. Für die AfD bedeutet das keine akute Bedrohung mehr. Das rechte Lager hat seine Konkurrentin im strukturellen Sinne überlebt – doch wächst es dadurch nicht automatisch.
Verdichtung ohne Durchbruch
Zweitens hat sich das AfD-Wählerpotenzial seit der letzten Bundestagswahl sichtbar verdichtet. Aus einem Milieu wurde ein Block. Aus einer wechselhaften Proteststimme wurde für viele ein politisches Dauerabo. Das erklärt die Stabilität: Wer heute die AfD wählt, tut dies häufig nicht mehr aus spontaner Empörung, sondern aus einer gewachsenen Überzeugung heraus, dass die Altparteien strukturell nicht mehr in der Lage sind, das Land zu führen, und dass alle Alternativen im Parlament entweder feige, gekauft oder ideologisch vernebelt sind.
Doch diese Verdichtung hat eine Kehrseite, die in der AfD selbst gerne verdrängt wird. Sie ist auch ein Zeichen der Ausschöpfung. Das Reservoir ist groß, aber nicht unendlich. Zusätzliche Mobilisierungsreserven für den Sprung in die Dreißiger fehlen. Wachstum aus eigener Kraft ist kaum erkennbar. Die Partei lebt nicht von frischen Eroberungen, sondern von der zunehmenden Treue ihrer Stammwähler. Dieser Zustand erzeugt Stabilität, aber keine Expansion.
Und hier beginnt die Kritik an der AfD, die sich nicht mit Parteiparolen wegwischen lässt: Eine Opposition, die dauerhaft nur von der Unfähigkeit der anderen zehrt, bleibt von dieser abhängig. Die relative Stabilität, auf die sich viele Funktionäre gerne berufen, täuscht über das eigentliche Problem hinweg. Die AfD hat sich eingerichtet – allerdings nicht im Sinne einer politischen Institutionalisierung mit dem Ziel der Machtübernahme, sondern im Sinne eines Dauerprotests, der sich selbst genügt. Das Bedürfnis zu gestalten scheint geringer zu sein als das Vergnügen zu opponieren.
Krisen als Normalzustand
Drittens bleiben die strukturellen politischen Krisen ungelöst. Das ist der eigentliche Grund, warum kein abruptes oder strukturelles Abrutschen der AfD zu erwarten ist. Denn die Ursachen des Protests werden nicht bekämpft, sondern verwaltet. Die Deindustrialisierung schreitet fort und ist sichtbar in Standortschließungen, Investitionsflucht und einem unter ideologischer Last knirschenden Energiesystem. Eine realistische Gegenstrategie? Nicht erkennbar. Stattdessen gibt es: Durchhalteparolen, Transformationsmythen und Subventionsbastelei. Deutschland soll Weltmeister in Moral bleiben – selbst wenn es dafür seine Werkhallen opfert.
Parallel dazu steht das Sozialsystem vor den bekannten Herausforderungen: demografischer Wandel, sinkende Beitragsbasis, steigende Leistungsansprüche. Reformen wären möglich, aber politisch toxisch. Niemand will das Notwendige aussprechen, weil es Stimmen kostet. Und so wird weiter verteilt, als sei der Wohlstand ein Naturgesetz. Dabei ist er längst eine historische Ausnahme, die nur durch Arbeit, Ordnung und Leistung erhalten werden kann – also durch genau jene Tugenden, die heute als „alt“ oder „toxisch“ diffamiert werden.
Migration und das veränderte Stadtbild sind für viele nach wie vor Reizthemen, selbst wenn die Medien diese Themen nicht mehr mit derselben Intensität behandeln. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg werden in Umfragen nun Bildung und Wirtschaftskrise als die wichtigsten Themen genannt, wobei Migration weiterhin eines der wichtigsten Themen bleibt. Denn wer täglich sieht, wie Parallelgesellschaften wachsen, wie Sicherheit zur Glückssache wird und wie sich der öffentliche Raum kulturell entkernt, braucht keine Schlagzeile, um zu wissen, dass sich etwas verändert.
Die AfD ist Nutznießerin, aber keine Erneuerin
Die AfD profitiert weiterhin vor allem von der Schwäche der anderen Parteien. Eine eigenständige neue Stärkequelle ist nicht erkennbar. Das ist ein zentraler Punkt, der in AfD-nahen Debatten oft ausgeblendet wird. Die Partei gewinnt nicht, weil sie plötzlich einen intellektuellen Entwurf für Deutschland vorlegt, sondern weil SPD, Grüne, FDP und Union in den Augen vieler nicht mehr regieren, sondern verwalten; nicht mehr führen, sondern moralisieren. Die AfD ist nicht die Lösung – sie ist das Symptom. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihre Wähler aus Trotz wählen. Im Gegenteil: Viele entscheiden sich bewusst, da sie das „Weiter so“ als existenzielle Gefahr wahrnehmen.
Das eigentliche Problem liegt tiefer: Bislang hat die AfD keine kulturelle Mitte hervorgebracht und keinen tragfähigen Begriff des Deutschseins jenseits ritualisierter Abgrenzung entwickelt. Nationale Politik verlangt jedoch mehr als nur Empörung. Sie verlangt einen positiven Entwurf, eine Idee des Gemeinsinns, die zugleich modern und traditionsbewusst ist. Wer eine Partei dauerhaft über 20 Prozent halten will, muss mehr bieten als Empörung, Skandalmanagement und den ständigen Verweis auf die Fehler der anderen. Der politische Gegner kann schwach sein, doch die eigene Substanz muss stark sein.
Gerade darin liegt der kritische Punkt: Die AfD wirkt in ihrer Rhetorik oft maximalistisch, in ihrer strategischen Disziplin jedoch begrenzt. Man will Systemopposition sein, streitet aber intern wie ein Seminar voller Eitelkeiten. Wo programmatische Ernsthaftigkeit gefragt wäre, regiert taktischer Opportunismus; wo Selbstvergewisserung durch Bildung und geistige Auseinandersetzung nötig wäre, dominieren Internetaktivismus und parteiinterne Rivalitäten. Man ruft nach Ordnung, kann aber in Teilen keine Ordnung in den eigenen Reihen durchsetzen. Wer so agiert, erreicht ein Plateau und bleibt dort stehen. Es fehlt der Formwille, das Bewusstsein, Teil eines geschichtlichen Ganzen zu sein.
Warum ein Absturz der AfD unwahrscheinlich ist
Aus dieser Gemengelage ergibt sich die eigentliche Prognose: Ein abruptes Abrutschen der AfD ist unwahrscheinlich, da die Gründe für ihre Stärke fortbestehen. Solange die Deindustrialisierung als „Transformation“ verklärt wird, Migration als Schicksal statt als Steuerungsfrage behandelt wird, soziale Sicherungssysteme auf Verschleiß laufen und politische Verantwortung durch moralische Erpressung ersetzt wird, bleibt der Protest stabil. Nicht als Mode, sondern als Reflex.
Damit gelingt es der AfD, in einer paradoxen Lage zu überleben: Sie ist zu groß, um ignoriert zu werden, und zu unfertig, um durchzuregieren. Das macht sie zur Dauererscheinung. Das kann man als Erfolg feiern – oder als Warnsignal verstehen. Denn eine Partei, die dauerhaft im Krisenmodus lebt, hat wenig Interesse daran, diesen zu beenden. Nicht aus Bosheit, sondern aus Logik: Wer seine Existenz aus Konflikten zieht, wird diese nicht freiwillig abschalten.
Die AfD hat einen Sättigungspunkt erreicht, weil sie aus dem politischen Zerfall maximal profitieren konnte. Sie wird nicht abstürzen, da dieser Zerfall weitergeht. Aber ohne eigene Erneuerung wird sie auch nicht durchbrechen. Stabilität ist kein Sieg. Sie ist oft nur der Stillstand vor der Entscheidung.





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