Das politische Milieu jenseits der linken Hegemonie ist bekanntermaßen kein monolithischer Block. Verschiedene wirtschaftspolitische Positionen, historische Auffassungen und Moralphilosophien – ob nun nietzscheanisch oder christlich – ringen untereinander darum, wer nun das Gesicht „der Rechten“ prägen darf. Wobei die Idee einer einheitlichen „Rechten“ wohl vielmehr die Folge von externen Zuschreibungen ist. Dennoch existieren verbindende Grundannahmen, welche das Milieu zusammenhalten und ihm überhaupt das Antlitz eines politischen Lagers geben.
Eine der zentralen Rollen nimmt hier die Bedeutung der Nuklearfamilie ein. Während die linke Denktradition die Familie stets kritisch beäugte – für Karl Marx galt sie als das Produkt einer bürgerlichen Klassengesellschaft, die es zu überwinden gelte, während Max Horkheimer sie zur „Keimzelle des Faschismus“ stilisierte –, bleibt Fakt: Die Familie wird seit Jahren vom politischen Mainstream torpediert. Angefangen mit der Banalisierung, im Grunde könne doch alles Familie sein – etwa auch der eigene Freundeskreis. Eine Familie hätte nicht mehr aus Vater, Mutter, Kind(ern) zu bestehen, und das Alleinerziehendenmodell wird im Rahmen jüngster Entwicklungen sogar als besonders positiv und beinahe erstrebenswert stilisiert.
Die Rechte verharrt hier gern in einer Negativkritik: Man klagt die von Links vorangetriebene Entwicklung an, ohne der Öffentlichkeit eine ebenso theoretisch unterfütterte Gegenposition präsentieren zu können. Spätestens seit dem Erscheinen von Benedikt Kaisers Werk „Der Hegemonie entgegen“ sollte bekannt sein, wie wichtig die Theoriearbeit dahingehend ist. Politische Programme allein reichen dabei selten aus, um langfristig Deutungshoheit über gesellschaftliche Fragen zu erringen. Vielmehr sind es häufig philosophische Grundannahmen über Menschen, Gemeinschaft und Staat, die den Rahmen politischer Argumentation bestimmen und Raum für Debatten schaffen.
Grundlagen aristotelischen Denkens
Die Frage des Verhältnisses von Politik und Familie ist dabei keineswegs neu – schon Aristoteles stellte sie ins Zentrum seiner Überlegungen über Staat und Gemeinschaft. Um diese hier jedoch angemessen behandeln zu können, muss zunächst auf die Grundlagen seines Denkens eingegangen werden.
Diesem liegt die Vorstellung zugrunde, neben der materiellen Welt existiere auch eine Welt der Ideen, in welcher die Ideal- und Allgemeinformen von allem materiell Existierenden herrschten, eine Vorstellung, die er von seinem Lehrmeister Platon übernommen hat. Aristoteles ergänzt sie, indem er der Individualität in der materiellen Welt ebenfalls ihren Platz einräumt. Konkret bedeutet dies: In der Philosophie des Aristoteles gibt es zwei Substanzen. Die erste ist hierbei das Spezifische, die zweite das Allgemeine. Um sich eines typischen Beispiels hierfür zu bedienen: Die erste Substanz bildet Sokrates, während die zweite Substanz die Art des Menschen ist. Die erste Substanz ist so für die zweite konstituierend, denn ohne die menschlichen Individuen kein Menschheitsgeschlecht.
Die Familie im Zentrum des Staates
Mit diesem theoretischen Unterbau widmet sich die aristotelische Philosophie nun Fragen, wie etwa der Ausgestaltung menschlichen Zusammenlebens. Diese wird dabei zum einen als Genese gedacht. An ihrem Beginn steht natürlicherweise die Familie als kleinste Art der Gemeinschaft. Da sie sich jedoch nicht selbst genügt, verbinden sich Familien zu kleineren, stammesähnlichen Gruppen, die jedoch auch noch nicht ausreichend sind. Erst die Polis, der antik-griechische Stadtstaat, ist in der Lage, sich selbst zu genügen, das heißt, autark zu sein.
Dies ist eine Vorstellung, welche so auch heute noch gelehrt wird und gemeinhin anerkannt ist. Die Familie, wobei diese historisch über die Nuklearfamilie hinausreicht, ist Vorgängerin des Staates. Auf diese Vorstellung baut auch die progressive Linke auf, für die die Familie ein in seinen Werten und seiner Idee veraltetes System ist, das abgewickelt werden müsse. Damit steht man bereits im Auge des Sturms, der momentan um die Familiendebatte tobt. Die Rechte muss hier eingreifen und erklären, warum die Familie dennoch nichts an Relevanz verloren hat, obgleich doch „fortschrittlichere“ Formen des Zusammenlebens wie der Staat existieren würden.
Die sittliche Bedeutung der Familie
Dies führt zur zweiten Erklärung, der tiefgreifenderen, metaphysischen. Hier ist die Familie nicht nur Vorläuferin des Staates, sondern bildet die Grundlage für dessen reale Existenz. Die Familie bildet für Aristoteles die Realität des Staates und ist Fundament für sein Bestehen. Die Familie bleibt so zeitlich ungebunden von Wert im Sinne des Verhältnisses von erster und zweiter Substanz. Das Besondere, die erste Substanz, ist die Familie, das Allgemeine, die zweite Substanz, das ist der Staat. Zwar ist das Ganze weiterhin mehr als das Einzelne, allerdings wird es erst durch das Einzelne zur Realität in der Welt.
Gleichzeitig kritisiert Aristoteles auch munter seinen Lehrmeister Platon, der sich in seinem idealen Staat für eine „Weibergemeinschaft“ unter den Eliten ausspricht. Für Aristoteles steht die Familie und die Verbindung von Mann und Frau in der Partnerschaft, der Ehe, an zentraler Stelle menschlichen Edelmuts. Die Freundschaft sowie die gegenseitige Hilfe stellt er entschlossen der Vorstellung einer reinen Fortpflanzungsgemeinschaft gegenüber. Aristoteles hält Treue und Enthaltsamkeit einer solchen Vorstellung entgegen und betont die Notwendigkeit elterlich-kindlicher Bindung als stabilisierenden Faktor für die Gesellschaft.
Diese Annahmen lassen sich auch mit modernen Studien untermauern: So zeigt sich etwa, dass Kinder, welche aus stabilen Familien stammen, verglichen mit jenen, welche nur zerrüttete Familienverhältnisse kennen, seltener psychisch auffällig sind. Besonders gut schneiden hier jene ab, welche aus ehelichen Verhältnissen hervorgegangen sind. Die Ehe steht für Aristoteles auch gegen die Vorstellung eines hedonistischen Lebensentwurfs, wie er heute meist von Links gepredigt wird, dessen einzige Grundlage die Freuden sind. An ihr prüft sich die Tugendhaftigkeit, die nach Aristoteles der einzige Weg zu wahrem Glück ist.
Ideen von Verantwortung zeigen sich hingegen im Bereich der Geburtenraten. Linke bringen vor, Kinder seien nur eine Last, ein Kostenfaktor, man hätte nun weniger Zeit für sich. Dem sei die Idee von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, die langfristig nur mit gesunden Geburtenraten bestehen kann, entgegnet. Vorstellungen von offenen Beziehungen sei der Verzicht als Tugend entgegengesetzt, und in einer Zeit, in welcher familiäre Bindungen banalisiert werden und von einer dauerhaften Unterdrückung der Frau schwadroniert wird, sei die Idee einer Ehe als Ort gegenseitiger Hilfe gegenüberzustellen.
Kein Relikt, sondern Grundlage
Die Familie ist keine archaische Restform, kein Überbleibsel vergangener Entwicklung, sondern ein konstitutives Element politischer und gesellschaftlicher Ordnung, ein überzeitliches Merkmal jeder menschlichen Gemeinschaft. Gleichzeitig gibt sie Chance für tugendhaftes Handeln und ist Prüfstein für das eigene Verhalten. Der gute Bürger entsteht für Aristoteles nicht im Staat, sondern in der Familie – ein Umstand, mit welchem man sich gegen vielerlei staatliche Erziehungsmaßnahmen noch und besonders heute stellen könnte. Gewiss ist solch ein weiter Rückblick nicht das Allheilmittel, obgleich er für die heutige Rechte genügend Denkansätze liefert, auf denen aufbauend eine heutige und auf die momentanen Umstände angepasste Position formuliert werden kann: die Familie als Grundlage für einen guten Staat und einen ordentlichen Menschen.



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