Ich behaupte nicht, dass Vaterlandsstolz eine große Tugend sei. Doch ein Laster ist er gewiss nicht. Er kann sogar ein wohltuendes Gefühl sein. Warum sollte man darauf verzichten, wenn sein Land einem Anlass dazu gibt? Man muss dafür keinen Fürsten bemühen, der vor tausend Jahren die Chasaren besiegte, keine alten Schlachten, keine vergangenen Ruhmestaten. Man kann auch auf jene kleinen Dinge stolz sein, die das Leben in diesem Land heute prägen, mögen sie noch so unscheinbar erscheinen, wenn sie einfach gut sind.
Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, da konnte ich mir dieses Gefühl leisten. In der EU wurde das Leben mit Gender-Gaga, Klimawahn und betreutem Denken angereichert, Russland wirkte dagegen fast bodenständig. Mit Politik musste man sich dort nicht unbedingt beschäftigen. „Die da oben“ machten ihr Ding, der normale Russe machte seines, arbeitete, trank Tee, fluchte maßvoll und bemerkte: Es geht ja tatsächlich voran.
Russlands Modernisierung als Erfolgsmodell
Die von Sergej Sobjanin geprägte Umgestaltung Moskaus wurde zu einem der erfolgreichsten Beispiele dafür, wie sich eine postindustrielle Stadt in einen komfortablen, modernen Lebensraum verwandeln lässt. Dieses Modell griff später auf die Regionen über. Schnelles, günstiges Internet und die zügige Digitalisierung des Staates trafen auf russische Geschäftstüchtigkeit und verliehen dem Dienstleistungssektor, einschließlich der Banken, erheblichen Auftrieb. Das einfache und vergleichsweise milde Steuersystem verstärkte diese Entwicklung und begünstigte den Aufschwung kleiner und mittlerer Betriebe, besonders in Gastronomie, Schönheitsindustrie und Wellness.
Was Rede- und Meinungsfreiheit betrifft, würde ich sagen: Die russische Medienlandschaft war bis zum Ausbruch der „Spezialoperation“ vielgestaltiger, als man es im Westen wahrhaben wollte. Liberale, patriotische, linke, christlich-orthodoxe, libertäre und queere Positionen fanden dort ihren Platz. Der öffentliche Meinungskorridor im Vorkriegsrussland erschien mir breiter als jener in der damaligen EU. Mit den Olympischen Spielen 2014 und der Fußballweltmeisterschaft 2018 präsentierte Russland diese Fortschritte vor den Augen der Welt und schuf ein Bild von Modernität, Ordnung und internationaler Offenheit.
Zensur in Russland
Leider stellt sich dieses frühere gute Gefühl heute nicht mehr so recht ein. Der Krieg und die mit ihm verbundenen Einschränkungen erklären das für mich nur zum Teil. Militärische Zensur gehört zur Logik des Krieges. Doch bei der Produktion absurder Verbote hat die Russische Föderation die EU in erstaunlichem Tempo eingeholt, teilweise sogar überholt.
Wenn man in Europa ein Getränk aus einem Behälter mit befestigter Verschlusskappe trinkt und sich dabei mit der in der Kappe verbliebenen Flüssigkeit bekleckert, geschieht das im Namen des Klimaschutzes. In Russland firmieren Werte, die nach Carl Schmitt gesetzt und anschließend durchgesetzt werden, als „traditionelle russische geistig-moralische Werte“: Leben, Würde, Menschenrechte, Patriotismus, Staatsbürgerlichkeit, Dienst am Vaterland, Familie, Arbeit, Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen, Humanismus, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Kollektivismus, gegenseitige Hilfe, historisches Gedächtnis und die Einheit der Völker Russlands.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich dieser schöne Katalog staatsmoralischer Leitbegriffe kaum vom Werteprospekt der „westlichen Wertegemeinschaft“ in ihrer linken Premiumausstattung: vorne der Gummiparagraph „Menschenwürde“ für alle Lebenslagen der Gesinnungsverwaltung, am Ende die schon winkenden Repressionen gegen Geschichtsrevisionismus und schließlich die „Einheit der Völker“, bunt, vielfältig und vermutlich mit Förderantrag.
Alexander Charitschew, Leiter der Moskauer Präsidialverwaltung für Monitoring und Analyse gesellschaftlicher Prozesse, warnt vorsorglich davor, in den „europäischen Werten“ irgendetwas Gemeinsames zu entdecken. Russland und der Westen seien, erklärt er, verschiedene Zivilisationen; Russland verfüge zudem über einen „besonderen zivilisatorischen Code“. Man hört förmlich das Piepen des ideologischen Zugangschips. Für die heutigen Russen seien Patriotismus, Kollektivismus und der Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen charakteristisch. Beim westlichen Menschen sieht Charitschews Wertekompass erwartungsgemäß das Gegenteil: Kosmopolitismus, Individualismus und Rationalismus. Man kennt diese traurigen Defekte der Zivilisation.
Der neue Staatsglaube
„Für uns ist das Leben an sich, wie sich herausstellt, deutlich weniger wert als für den westlichen Menschen. Wir sind der Ansicht, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind als die bloße Tatsache des Lebens“, räumt Charitschew ein. Kurz gesagt: Russian lives do not really matter. Es gibt Wichtigeres. Verstanden. Diese russische Nation der Selbstaufopferer wird laut dem Kreml-Ideologen durch Glauben zusammengehalten. Gemeint ist allerdings ein Glaube im staatsbürgerlichen Sinne, was auch immer das heißen mag. Der Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Westen bestehe in Kollektivismus und Familiensinn. „Familie ist für uns etwas mehr als bloße Verwandtschaft. Zur Familie können enge Freunde und sogar Kollegen gehören“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Wie werden die „traditionellen russischen geistig-moralischen Werte“ praktisch geltend gemacht? Durch ein ganzes Arsenal administrativer Maßnahmen: Filme verlieren ihren Verleihschein, Online-Kinos und Soziale Netzwerke entfernen missliebige Werke, Plattformen löschen Inhalte über gewollte Kinderlosigkeit, Verlage nehmen als extremistisch eingestufte Bücher aus dem Verkauf. Die Durchsetzung erledigen Gutachten, Register, Bußgelder und die stille Panik derer, die lieber vorher löschen: einen Yukio Mishima wegen der Bekenntnisse einer Maske, einen Friedrich Georg Jünger wegen des Aufmarschs des Nationalismus. Das sind nur einige der bereits eingetretenen Fälle. Und was geschieht erst mit einem Michel Houellebecq, bei dem nahezu jedes Werk gegen irgendeinen Punkt des Wertekatalogs verstößt?
Natürlich ist die demografische Lage in Russland ähnlich schlecht wie bei anderen alten europäischen Völkern. Die Idee, Menschen würden sich eifriger vermehren, sobald Houellebecq aus dem Regal verschwindet, ist allerdings ziemlich naiv, fast schon rührend. Vielleicht helfen bezahlbare Wohnungen, stabile Einkommen und kinderfreundliche Städte mehr als ein Beamter, der in französischen Romanen nach Fortpflanzungsfeindlichkeit sucht. Inzwischen geraten sogar Computerspiele ins Visier der Werteaufsicht. Bei ihnen läuft die Zensur noch etwas improvisierter: über Plattformdruck, Extremismus- und Jugendschutzgesetze und neue Gesetzesinitiativen.
Digitale Umsiedlung
Der deutlichste Fall ist Roblox. Die Plattform wurde in Russland im Dezember 2025 blockiert. Die Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor warf ihr „extremistische Materialien“ und Inhalte vor, die der „geistigen und moralischen Entwicklung von Kindern“ schaden könnten. Dafür musste aus der russischen Digitalwelt ein betreuter Internetpark werden. Während das Verbot unfreundlicher beziehungsweise von fremden Diensten kontrollierter Meta-Produkte noch nachvollziehbar wäre, wird inzwischen auch Telegram gedrosselt und mit Sperrdrohungen erzogen. Dazu kommt das Werbeverbot auf blockierten Plattformen, das Bloggern, Kosmetikstudios, Restaurants, Online-Schulen und kleinen Händlern die Kundschaft aus den Händen schlägt.
Wer früher über Instagram verkaufte, über WhatsApp schrieb und auf YouTube sichtbar war, soll nun artig zu VK, VK Video und vor allem Max umziehen: zu VK und Max aus dem VK-Kosmos. An der Spitze von VK-Media steht zufälligerweise Wladimir Kirijenko, Sohn von Sergej Kirijenko, einem der mächtigsten Männer der Präsidialverwaltung. Technisch erledigen DNS, DPI, TSPU und ominöse „weiße Listen“ die Arbeit. Die spannende Frage bleibt: Ist diese digitale Umsiedlung eines ganzen Landes technisch überhaupt umsetzbar?
9,2 Millionen Downloads der fünf beliebtesten VPN-Apps in Russland im März 2026, vierzehnmal mehr als im Vorjahr: Der Bürger übt digitale Fluchtgymnastik. In der EU nennt man ähnliche Umwege inzwischen ein „Schlupfloch, das geschlossen werden muss“. Russen und Europäer treffen sich also doch, nur eben im VPN-Tunnel.
Dieser Text wurde zuerst in der FREILICH-Ausgabe Nr. 40 „Heimat, fremde Heimat“ abgedruckt.




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