Die Auseinandersetzung um Trump und MAGA innerhalb der deutschen Rechten hat durch den Beitrag von Bruno Wolters eine notwendige Klärung erfahren. Sie erzeugt weniger neue Gegensätze, sondern macht vielmehr eine bislang häufig unscharfe Unterscheidung sichtbar: die Differenz zwischen reiner Analyse und vermeintlicher Gefolgschaft, zwischen Referenz und Unterordnung, zwischen strategischer Selbstklärung und medialer Reaktion. Diese Unterscheidung bildet den Maßstab meiner Replik.
1. MAGA als US-spezifisches Projekt: Der „Kanada-Moment“ als Warnung
Wolters’ erster Punkt ist grundlegend. MAGA ist kein allgemein-souveränistisches Projekt, sondern ein national-amerikanisches Machtinstrument, dessen Loyalitätslogik strikt an die Interessen der USA gebunden ist. Wer MAGA außerhalb dieses Rahmens liest, riskiert nicht nur politische Fehlorientierung, sondern im Ernstfall objektive Unterordnung unter eine fremde Interessenlage.
Der von Wolters beschriebene „Kanada-Moment“ macht diesen Mechanismus exemplarisch sichtbar. Als Trump mit flapsiger Annexionsrhetorik und ökonomischem Druck die kanadische Eigenstaatlichkeit offen herausforderte, reagierte die kanadische Öffentlichkeit selbst souveränistisch mit unmittelbaren wahlpolitischen Folgen. Dieser Vorgang zeigt: Sobald nationale Souveränität konkret berührt wird, wird jede importierte Loyalitätsästhetik zur politischen Hypothek. Gerade deshalb ist die Trennlinie klar zu ziehen:
Trump kann analytisch gelesen, aber politisch nicht angeeignet werden. MAGA kann erklärt, aber nicht übernommen werden. Maßstab bleibt die eigene Entscheidungslage, nicht Washington.
Diese Klarstellung beantwortet jedoch nur die Frage nach äußerer Bindung. Sie sagt noch nichts über innere Durchsetzungsfähigkeit. Genau hier setzt Wolters’ zweiter Punkt an – und hier entsteht die eigentliche Spannung zwischen Diagnose und politischer Realität.
2. MAGA als Lagerphänomen – und die Realität politischer Machtkämpfe
Wolters diagnostiziert zu Recht: MAGA ist kein integrierendes nationales Projekt, sondern ein stark polarisiertes Lagerphänomen. Die massive Ablehnung durch Unabhängige, tiefe kulturelle und soziale Spaltungen sowie der schwindende Rückhalt jenseits der eigenen Kernanhängerschaft sprechen gegen MAGA als exportierbares Modell.
Hier liegt allerdings mein entscheidender Einwand: auf der Ebene der realen politischen Kampfszene. Die gesellschaftliche Spaltung in den USA ging Trumps Wahlsieg voraus. Er trat nicht in eine integrierte Ordnung ein, sondern in eine bereits massiv gespaltene fragmentierte Gesellschaft, deren kulturelle und institutionelle Eliten den Machtwechsel nicht akzeptieren wollten. US-Demokraten, Medien, Universitäten und Teile des permanenten Verwaltungsstaates haben alles versucht, diesen Wechsel zu verhindern oder nachträglich zu delegitimieren (z. B. Russland-Affäre, Impeachments).
Unter diesen Bedingungen ist ein konfrontativer Politikstil keine ästhetische Wahl, sondern häufig die einzige realistische Form politischer Durchsetzung. Integration ist in solchen Lagen kein Ausgangspunkt, sondern – wenn überhaupt – ein späteres Ergebnis.
Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen Polarisierung als bewusstem Machtinstrument und Polarisierung als vorgefundener gesellschaftlicher Realität, auf die politische Akteure reagieren müssen. Das gilt auch für die europäischen Rechtsparteien und insbesondere die AfD: Eine reale Politikwende gegen ein links-hegemoniales Regime lässt sich nicht integrativ „moderieren“, solange die Gegenseite auf Ausschluss und Blockade setzt.
3. Divergierende Interessenlagen: Europa und die Grenzen amerikanischer Machtpolitik
Wolters trifft einen weiteren Punkt: Europas Interessenlage unterscheidet sich grundlegend von jener der USA. Beziehungsweise gilt: Was politisch entscheidungsrelevant für die USA ist, ist es genauso auch für uns in Europa und Deutschland. Europas Kerninteressen liegen in wirtschaftlicher Kooperation und stabiler Energieversorgung und der Vermeidung kostspieliger Stellvertreterkriege mit regelmäßiger Destabilisierung und nachfolgenden Migrationsbewegungen.
Zugleich gilt aber auch: Die strategische Tiefenstruktur amerikanischer Handlungen zu verstehen – etwa im Rahmen klassischer Einflusszonen-Logiken – bedeutet nicht, sie politisch zu übernehmen. Verstehen heißt nicht Akzeptieren. Nur wer imperiale Logiken erkennt, kann sich ihnen entziehen, statt unbewusst hineingezogen zu werden.
In diesem Zusammenhang ist eine weitere Präzisierung notwendig. Trumps Außenpolitik folgt nicht der klassischen neokonservativen Regime-Change-Philosophie der 1990er und 2000er Jahre. Weder Venezuela noch Iran lassen sich sinnvoll als Demokratie- oder Ordnungsexportprojekte lesen. Im Fall Venezuelas geht es um Einflusssicherung im eigenen strategischen Vorfeld – im Sinne einer entideologisierten Monroe-Logik, nicht um moralisch aufgeladenen Regimewechsel.
Auch dem Iran gegenüber deutet sich keine interventionistische Dauerstrategie an, sondern vielmehr die Logik eines präzisen Enthauptungsschlags ohne Folgeintervention – zynisch gesprochen ein windfall profit der Machtpolitik: maximale Abschreckung bei minimaler Bindung. Gerade diese Abkehr vom neokonservativen Interventionsparadigma alter US-Schule markiert einen Bruch mit dem alten Hegemonie-Projekt und ist als positiv zu lesen. Denn die Folgekosten (früherer) amerikanischer Interventionen (Afghanistan, Irak, Maidan) – Migration, Energieverwerfungen, sicherheitspolitische Destabilisierung – hatte überproportional Europa zu tragen. Darum will Europa sich hier keine Mitvollzugslogik leisten.
4. Gemeinsame Front, unterschiedliche Form: „Sultanismus“ und Gegeneliten
Wolters weist zu Recht auf eine problematische Entwicklung hin: Trumps Umfeld als zunehmend unternehmerische Parallelstruktur. Politische Nähe wird in ökonomische Verwertung übersetzt, Tech-Oligarchen treten zum Teil als Mitregenten auf, wenn auch das nur situativ, wie das Beispiel Elon Musk zeigt. Eine derartige Enthemmung politischer Interessenverflechtung ist kritikwürdig.
Diese Diagnose deckt sich partiell mit dem, was ich selbst als Sultanismus beschrieben habe: eine Übergangsform, in der personale Loyalitäten und informelle Netzwerke institutionelle Vermittlung ersetzen. Die Warnung ist berechtigt.
Zugleich muss vorangestellt werden, dass wir trotz aller Differenzen den gleichen gemeinsamen Kampf führen: gegen Wokeness, Klimadogmatismus, globalistischen Multikuturalismus und die kulturelle Hegemonie eines linken Extremismus. Trump hätte diesen Machtwechsel gegen eine übermächtige mediale, akademische und administrative Elite ohne eine Gegenelite nicht durchsetzen können. Die Allianz mit Teilen der Tech- und Kapitalelite war als Machtressource funktional notwendig, um der strukturellen Übermacht der linken Mainstream-Eliten materiell etwas entgegenzusetzen.
Entscheidend bleibt der strukturelle Kern: Der antiwoke, antiglobalistische und antiklimatistische Politikwechsel auch als Kulturkampf ist kein Nebenprodukt oligarchischer Interessen, sondern Ausdruck eines realen Konflikts mit dem bisherigen liberal-globalistischen Regime der US-Democrats von Obama bis Biden. Dass dieser Konflikt zunächst in einer personalisierten, wenig disziplinierten Form ausgetragen wurde, ist Ausdruck der Kräfteverhältnisse – nicht seines Inhalts.
Der entscheidende Punkt ist die Unterscheidung zwischen Notwendigkeit und Verfestigung. Dass Trump diese Partner strukturell brauchte, erklärt den sultanistischen Charakter seiner Herrschaftsform. Es rechtfertigt ihn nicht dauerhaft, macht ihn aber politisch erklärbar. Dieser Machtmodus ist weniger Ziel als Übergangsform – ein Symptom institutioneller Blockaden, nicht deren gewünschter Endzustand.
Dass derselbe Bruch auch anders artikulierbar wäre, liegt auf der Hand. Eine mögliche Vance-Administration etwa würde diesen Konflikt voraussichtlich institutioneller, kohärenter und weniger personalistisch führen. Das spricht nicht gegen die inhaltliche Stoßrichtung, sondern bestätigt, dass Trump nicht das Projekt an und für sich, sondern dessen erste, rohe Erscheinungsform ist.
5. Europäische Großraumstrategie und der Machbarkeitsbeweis
Wolters’ fünfter Punkt ist programmatisch richtig. Eine europäische Großraumstrategie muss nüchtern, interessengeleitet und frei von moralischer Übercodierung sein. Sie erfordert eine Abkehr von performativen Scheinkämpfen zugunsten einer stillen, konsequenten Eroberung der Institutionen im eigenen Land.
Die MAGA-Begeisterung, von Wolters als Kult hochgeschrieben, speist sich – zumindest in vielen Fällen – eher aus Identifikation mit Trump als aus der Beobachtung, dass in den USA ein realer Politikwechsel gegen eine linksliberale kulturelle Hegemonie durchgesetzt wurde – mit konkreten Ergebnissen: Ausstieg aus dem Pariser Abkommen, Austritt aus der WHO, Grenzziehung gegen illegale Massenmigration, erste Ansätze von Remigration.
Das sind echte materielle Erfolge auf der Habenseite. Sie sind, wie sie errungen wurden, keine Blaupause für Europa, aber ein uns Hoffnung gebender Machbarkeitsbeweis. Sie zeigen, dass hegemoniale Regime brech- beziehungsweise überwindbar sind. Diese Erfahrung ist für die europäische Rechte, sofern sie bisher an der Durchsetzungsfrage scheitert, von zentraler Bedeutung, auch und vor allem für die AfD.
AfD, strategische Disziplin und kommunikative Selbstkontrolle
Das Fazit ist eindeutig: Trump und MAGA sind weder Vorbild noch Feindbild. Sie sind ein Prüfstein. Wolters hat warnend gezeigt, wo unkritische Gefolgschaft beginnt. Meine Replik soll zeigen, wo strategische Logik vom kommunikativen Effekt zu trennen ist.
Gerade in diesem Kontext soll auch die öffentliche Reaktion der AfD-Spitze auf Grönland reflektiert werden. Eine medial gefällige Trump-Kritik mag kurzfristig entlasten, birgt aber die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Wer den Ton attackiert, ohne die dahinterliegende Struktur zu ergründen, ersetzt Analyse durch Distanzsignal. Das kann irritieren, insbesondere jenseits des Teichs. Denn: Wenn wir insgesamt politisch prinzipiell den gleichen Kampf führen, dann braucht es strategische Disziplin: Keine Gefolgschaft, aber auch keine reflexhafte Abwehr dessen, was anderswo bereits durchgesetzt wurde. Soll heißen: Die AfD sollte Trump als Machbarkeitsbeweis nutzen – analytisch, nicht affirmativ – und ihre eigene Souveränitätsstrategie priorisieren.




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