Berlin. – Nach zehn Jahren ist der chinesische Künstler Ai Weiwei erstmals wieder nach China gereist. Anlass war ein privater Besuch bei seiner 93-jährigen Mutter, zu dem er seinen Sohn mitgenommen hat. In einem Interview mit der Berliner Zeitung zog er weitreichende Vergleiche zwischen China und Europa, insbesondere Deutschland.
Erfahrungen mit Repression
In dem Gespräch ordnet Ai Weiwei seine früheren Erlebnisse in China nicht primär als persönliches Leid ein. „In China hatte ich viele verschiedene Arten von Erfahrungen. Ich betrachte sie nicht unbedingt als ‚hart‘ oder ‚unangenehm‘, da ich nie nach dem gestrebt habe, was man gemeinhin unter ‚angenehm‘ versteht.“ Diese Erfahrungen seien historisch weitverbreitet gewesen, so Ai Weiwei: „So etwas wie ich hat auch die Generation meines Vaters erlebt und viele Persönlichkeiten der chinesischen Geschichte, die sich zu Politik, Gesellschaft oder Kultur geäußert haben.“ Er selbst sieht darin einen Erkenntnisgewinn: „Vielmehr glaube ich, dass sie eine Art Segen waren, der es mir ermöglicht hat, in meinem eigenen Land vieles zu erkennen, das wenig bekannt ist oder das andere niemals erleben werden.“
Zweifel an westlichen Wertesystemen
Ai Weiwei erinnerte daran, dass er bereits früher Zweifel am Westen entwickelt hatte. „Ich ging 1981 in die USA und kehrte zwölf Jahre später wieder nach China zurück.“ Ausschlaggebend dafür seien nicht materielle, sondern ideelle Gründe gewesen. Er hatte damit begonnen, das amerikanische Wertesystem anzuzweifeln.
Bei seiner jüngsten Reise zeigte sich Ai Weiwei von den Entwicklungen im Alltag überrascht. „Ich war aufrichtig überrascht davon, wie sich in allen Bereichen die Servicequalität verbessert hat.” Konkret schilderte er einen Bankbesuch: „Innerhalb von fünf Minuten – sogar weniger – waren alle Vorgänge reibungslos abgeschlossen, ohne irgendwelche Probleme.“ Auch beim Kauf einer Jacke habe er Effizienz erlebt: „Der gesamte Prozess dauerte nicht länger als 30 Minuten.“ Sein Fazit: „Das ist für mich die Effizienz von Peking und seinem Dienstleistungssektor.“
Kritik an Europa und Deutschland
Ai Weiwei schilderte demgegenüber erhebliche Probleme in Europa. „In Deutschland wurden meine Bankkonten zweimal geschlossen.“ Auch in der Schweiz habe er ähnliche Erfahrungen gemacht. Die behördlichen Abläufe seien belastend: „Wann immer man versucht, sich nach etwas zu erkundigen, kann die damit verbundene psychische und physische Belastung fast unvorstellbar sein.“ Insgesamt zieht er einen klaren Vergleich: „Die Schwierigkeiten, denen wir im täglichen Leben in Europa begegnen, sind mindestens zehnmal größer als die in China.“
„In Bezug auf das politische Klima fühlt sich das tägliche Leben für gewöhnliche Menschen in Peking natürlicher und menschlicher an“, erklärte er weiter. Über Deutschland äußerte er sich hingegen kritisch: „In Deutschland hat mich in den zehn Jahren, seit ich China verlassen habe, fast niemand jemals zu sich nach Hause eingeladen.“ Deutschland erscheine ihm „kalt, rational und zutiefst bürokratisch”. Dies wirke sich unmittelbar auf das Lebensgefühl aus: „Als Individuum fühlt man sich dort eingeengt und prekär.“
Nach Ai Weiweis Darstellung wird Deutschland in China zudem kritisch gesehen: „In der heutigen Politik spielt Deutschland die Rolle eines verunsicherten und unfreien Landes, das darum ringt, seine Position zwischen Geschichte und Zukunft zu finden.“
Reaktionen in Sozialen Netzwerken
Auf der Plattform X wurden Ai Weiweis Aussagen bereits aufgegriffen. Beobachter betonten die Symbolik darin, dass ausgerechnet ein im Westen lang gefeierter chinesischer Dissident zu dem Schluss kommt, Europa sei weniger menschlich und weniger frei als China.

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