Die Wiener Stadtplanung hat offenbar wieder einmal ein Problem gelöst, das gar nicht existiert, und dafür gleich eine neue Schnapsidee aus dem Hut gezaubert. Die Südosttangente, mit bis zu 220.000 Fahrzeugen täglich die meistbefahrene Autobahn Österreichs, soll nach der erhofften Entlastung durch S1 und Lobautunnel plötzlich nicht mehr nur Verkehrsader sein. Nein, in manchen Planerträumen könnte aus der A23 eine Art Parklandschaft werden. Wo heute hunderttausende Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zum Kunden, zur Familie oder nach Hause unterwegs sind, sollen morgen Spaziergänger, Radfahrer und E-Scooter durch eine begrünte Betonidylle flanieren. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Österreichs wichtigste Stadtautobahn als Naherholungsgebiet. Offenbar ist in manchen Planungsbüros die Distanz zur Realität inzwischen größer als die Strecke zwischen Kaisermühlen und Inzersdorf.
Die Tangente bleibt eine Lebensader
Ausgangspunkt der Debatte ist die geplante Nordostumfahrung. Der Lobautunnel und der Ausbau der S1 sollen die Tangente künftig entlasten. Laut ARBÖ könnten auf der A23 dadurch um rund 70.000 Fahrzeuge täglich weniger unterwegs sein. Doch selbst dann blieben auf der Tangente noch gewaltige Verkehrsmengen. Wer aus einer Straße mit bis zu 220.000 Fahrzeugen plötzlich einen idyllischen Stadtwanderweg machen will, sollte vielleicht einmal einen gewöhnlichen Montagmorgen im Wiener Berufsverkehr erleben. Die Tangente ist keine vergessene Industriebrache, die seit Jahren vor sich hinrostet. Sie ist eine der zentralen Lebensadern dieser Stadt und ihrer gesamten Umgebung. Gerade deshalb ist die Vorstellung, sie irgendwann großzügig zurückzubauen und mit Parkanlagen zu verzieren, völlig absurd.
Dabei ist die Lage schon heute eindeutig genug. Die A23 ist, wie selbst ASFINAG Vorstand Hartwig Hufnagl festhält, am Ende ihrer Kräfte. Rund fünfeinhalb Stunden Stau gibt es an einem durchschnittlichen Werktag. Die Tangente schreit also nach Entlastung, nach funktionierenden Alternativen und nach einer Verkehrsplanung, die endlich die Realität anerkennt. Und was diskutiert man? E-Bus-Spuren, Radstreifen, Stadtwanderwege und begrünte Verbindungsachsen. Natürlich darf in diesem Wiener Wunschkonzert auch der internationale Vergleich nicht fehlen. Seoul, Paris, New York. Dort wurden ehemalige oder stillgelegte Verkehrsflächen umgestaltet. Also muss Wien offenbar gleich seine wichtigste Autobahn zur High Line mit Ausblick auf den nächsten Stau machen.
Wunschdenken statt Verkehrswirklichkeit
Genau darin zeigt sich die ganze Abgehobenheit und Ahnungslosigkeit, die Teile der Wiener Stadtplanung längst auszeichnet. Man sieht eine massive Betonfläche und denkt nicht zuerst daran, wie der Verkehr künftig zuverlässig bewältigt werden kann. Man sieht offenbar eine leere Leinwand für Begrünungsfantasien. Der Autofahrer, der Handwerker, die Familie, der Pendler oder der Lieferverkehr spielen in dieser hübschen Zukunftsvision offenbar nur noch eine Nebenrolle. Hauptsache, irgendwo zwischen Betonpfeilern wächst genug Grünzeug, damit sich ein Architekturjournalist beim Anblick der ehemaligen Autobahn an Paris oder Seoul erinnert.
Besonders absurd ist, dass selbst die tatsächliche Entlastungswirkung der neuen Nordostumfahrung keineswegs in Stein gemeißelt ist. Verkehrsplanerin Barbara Laa weist darauf hin, dass ein neuer Tunnel auch zusätzlichen Verkehr erzeugen könne. Mit anderen Worten: Es ist keineswegs sicher, ob die Tangente in den 2040er-Jahren tatsächlich zu einer halbwegs verkehrsarmen Restfläche wird. Trotzdem wird schon heute über Parks und Spazierwege philosophiert, obwohl es nach derzeitigem Stand kaum konkrete Gespräche über eine tatsächliche Nachnutzung gibt. Erst bauen wir die neue Verbindung, dann schauen wir, was sie bringt, und irgendwann wird vielleicht entschieden, was aus der Tangente wird. Aber die Parkfantasie ist natürlich schon fertig. Prioritäten à la Wiener Stadtplanung.
Mit der Busspur gegen den Stau
SPÖ-Verkehrsstadträtin Ulli Sima will die Tangente nach einer Nordostumfahrung sogar für den Transit sperren und zurückbauen. Als mögliche Alternative wird noch dazu eine Fahrspur für E-Busse genannt. Das klingt nach jener Sorte Planung, bei der man einen Stau mit dem Taschenrechner wegdiskutiert. Denn wer glaubt, dass sämtliche Verkehrsprobleme verschwinden, sobald man eine Spur in einen Radweg und die nächste in eine Busspur verwandelt, hat vermutlich noch nie erlebt, was passiert, wenn Wien auch nur an einer größeren Kreuzung gleichzeitig eine Baustelle, eine Demonstration und einen Regentag hat.
Niemand bestreitet, dass die Tangente für Anrainer Lärm und eine städtebauliche Trennwirkung bedeutet. Natürlich muss man darüber reden, wie die Umgebung verbessert werden kann. Mehr Lärmschutz, bessere Querungen, sinnvollere Anschlüsse und punktuelle Begrünungen wären vernünftige Themen. Aber gleich davon zu träumen, eine der wichtigsten Verkehrsachsen Österreichs in einen Park zu verwandeln, ist eine völlige Schnapsidee. Das ist keine mutige Stadtplanung, sondern eine Mischung aus Wunschdenken und Realitätsverweigerung.
Im Elfenbeinturm ist schon alles grün
Vor allem zeigt diese Debatte, wie weit sich manche Planer von den Menschen entfernt haben, die täglich auf funktionierende Mobilität angewiesen sind. Während draußen im echten Wien gestanden, gehupt, geliefert und gependelt wird, wird im Elfenbeinturm schon die Parkbank auf der Autobahn geplant. Vielleicht fehlt nur noch ein kleiner Teich auf der Abfahrt und ein Yoga Deck auf dem Pannenstreifen. Wien wäre damit endlich dort angekommen, wo man offenbar hinwill. Die Autos stehen weiterhin im Stau, aber wenigstens ist es rundherum hübsch begrünt.
Die Tangente braucht Entlastung. Sie braucht intelligente Verkehrsplanung. Sie braucht Alternativen, die tatsächlich funktionieren. Was sie ganz sicher nicht braucht, ist die nächste grüne Fantasie, die sich auf Powerpointfolien hervorragend macht und im Alltag sofort an der Realität zerschellt. Die A23 ist kein Spielplatz für weltfremde Stadtplaner. Wer sie zum Park machen will, beweist vor allem erschreckende Abgehobenheit und eine Ahnungslosigkeit, die so groß ist wie der nächste Stau auf der Tangente.





Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt!