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Technik

Alien vs. Predator: Der Kampf um den Krieg der Zukunft

Der Krieg der Zukunft wird zum Machtkampf zwischen klassischer Rüstungsindustrie und digitaler Kriegsführung. Ilia Ryvkin zeigt, warum dabei nicht nur Waffen, sondern auch Daten, Demografie und Souveränität entscheidend werden.

Ilia Ryvkin
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Drohnen und digitale Systeme verändern die Kriegsführung grundlegend – doch auch auf dem vernetzten Schlachtfeld bleibt der Mensch unverzichtbar.
Drohnen und digitale Systeme verändern die Kriegsführung grundlegend – doch auch auf dem vernetzten Schlachtfeld bleibt der Mensch unverzichtbar. (Bild: IMAGO / Funke Foto Services)

Die Kamera einer Aufklärungsdrohne entdeckt eine Bewegung im Gelände. Zunächst nur ein flackernder Punkt auf dem Bildschirm. Sekunden später ein Datensatz: Koordinaten, Uhrzeit, Bewegungsrichtung, Konturen, Wärmebild. Der Videostrom läuft in ein digitales Führungssystem. Algorithmen markieren das Objekt. Abgleich mit Satellitendaten, Radar, Funkaufklärung, anderen Drohnen. Die KI verdichtet die Datenflut, sucht Muster, hebt hervor, was relevant sein könnte. Dann die Entscheidungskette. Der Mensch prüft, was die Maschine vorgeschlagen hat. Fällt die Entscheidung zum Angriff, geht der Auftrag weiter an ein verfügbares Waffensystem. Artillerie. Rakete. Drohne. Der Schlag folgt. Wieder Sensoren. Rauch. Trümmer. Bewegung. Oder keine Bewegung. Die Daten fließen zurück ins System. Das digitale Schlachtfeld funktioniert als geschlossener Kreislauf. Ist das schon Krieg, oder noch der Werbespot einer Blase aus Silicon Valley?

Die Ukraine als Labor des digitalen Krieges

Auf dem ukrainischen Kriegsschauplatz wurde aus der Vision des vernetzten Schlachtfeldes militärische Realität. Die sogenannte sensor-to-shooter chain wird unter Kriegsbedingungen erprobt, verändert und immer enger geknüpft. Das politische Gesicht dieser Transformation auf ukrainischer Seite heißt Mychajlo Fedorow. Als Digitalminister verband er den Aufbau des digitalen Staates mit der Kriegsführung: von Starlink und der „Army of Drones“ über den Rüstungstechnologie-Cluster Brave1 bis zur digitalen Gefechtsplattform DELTA. 

Digital ist der Krieg allerdings auch auf russischer Seite. Systeme wie Strelez knüpfen an das sowjetische Konzept des Aufklärungs-Feuer-Komplexes an: Ein Ziel wird entdeckt, seine Koordinaten werden übermittelt, das geeignete Wirkmittel schlägt zu. Die Digitalisierung verkürzt vor allem die Strecke zwischen Sensor und Schütze.

Die ukrainische Entwicklung geht inzwischen einen Schritt weiter. DELTA sammelt Daten aus Drohnen, Satelliten, Radaren und anderen Sensoren zu einem gemeinsamen Lagebild. Unter Fedorow wird darüber hinaus der Einsatz selbst zum Datensatz: Welcher Drohnentyp flog von wo, gegen welches Ziel und mit welchem Ergebnis? Aus diesen Daten entstehen nicht nur operative Entscheidungen. Sie fließen inzwischen auch in die Frage ein, welche Systeme anschließend beschafft werden. Damit schließt sich der Kreis: Sensor, Daten, Ziel, Waffe, Wirkung und Beschaffung werden Teile desselben digitalen Prozesses. Der Krieg produziert dabei ständig neue Daten, mit denen der nächste Durchlauf optimiert werden kann.

Palantir trifft auf die Realität des Schlachtfeldes

An diesem Punkt beginnt die Welt von Project Maven des berüchtigten Techkrakens Palantir. Sie liefern die Ebene darüber: Software, die gewaltige Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführt, mit Künstlicher Intelligenz auswertet und daraus ein militärisch nutzbares Bild erzeugt. Nicht die einzelne Waffe wird damit zum Zentrum des Systems, sondern die Plattform, auf der entschieden wird, was als Ziel erscheint, welches Mittel dagegen eingesetzt werden kann und wie schnell die Kette vom Sensor zum Schützen geschlossen wird.

Dass Fedorow im Mai 2026 Alex Karp seine Systeme DELTA, Mission Control und die ukrainischen KI-Lösungen persönlich vorführte, war deshalb mehr als ein Treffen mit einem amerikanischen Softwareunternehmer. Hier traf die unter realen Kriegsbedingungen entstandene ukrainische Datenmaschine auf einen Konzern, dessen Geschäftsmodell darin besteht, genau diese neue Ebene der Kriegsführung zur Plattform zu machen. Da brauchen die Bilder aus der Werbeküche des kalifornischen Überwachungskrakens einen Realitätscheck auf dem Schlachtfeld. Dessen Ergebnis fällt ernüchternd aus. Russland hielt weiterhin große Teile des ukrainischen Territoriums besetzt und setzte seine Vorstöße fort. Von einer digitalen Wunderwaffe kann keine Rede sein.

Korruption, Mobilmachung und der Streit um die Strategie

Als Ursache des Scheiterns verwies Fedorow nun auf Korruption und das Fehlen einer schlüssigen Kriegsstrategie. Zumindest der erste Befund ist schwer von der Hand zu weisen. Allein bei einem mit Weltbankmitteln finanzierten Wiederaufbauprojekt ermittelte die ukrainische Antikorruptionsbehörde NABU wegen der Veruntreuung von 22 Millionen Hrywnja. Bei der Beschaffung von Drohnen verhinderten NABU und die Sonderstaatsanwaltschaft SAPO 2026 nach eigenen Angaben einen Schaden von 726 Millionen Hrywnja. Bis Mitte des Jahres waren infolge ihrer Verfahren insgesamt 12,3 Milliarden Hrywnja an den Staat zurückgeflossen. Das Problem lag also keinesfalls in einer fehlenden Technik, sondern vor allem darin, was auf dem Weg zwischen Milliardenbudgets, Beschaffung und Front davon übrigblieb.

Die Kritik stieß auf den Widerstand des Generalstabs unter Oleksandr Syrskyj. Dessen Strategie setzte weiterhin auf die Priorität konventioneller Waffen – auf das „Altmetall“ – und auf Massenmobilmachung. Den dafür nötigen Nachschub lieferten die berüchtigten TCC-Kommandos, die „Menschenfänger“: Trupps der ukrainischen Rekrutierungsbehörden, die Zivilisten auf offener Straße aufgreifen und gewaltsam in Kleinbusse zerren, um sie in den Fleischwolf der Front zu werfen. Über diese Methoden berichteten selbst deutsche Medien, darunter Welt-Korrespondent Christoph Wanner.

Eine grundlegende Reform der militärischen Entscheidungslogik, der Beschaffung und der Rüstungsproduktion hätte die Macht jener Netzwerke angetastet, die an Selenskyjs Kriegspolitik verdienen und sie politisch absichern. Im Juli 2026 war damit Schluss: Der Verteidigungsminister wurde aus dem Amt gedrängt.

Altmetall gegen Algorithmen

Der Konflikt zwischen Selenskyj und Fedorow lässt sich damit als Blaupause eines größeren Machtkampfes lesen: hier die Lobbyisten des militärischen „Altmetalls“, dort die Vertreter des kalifornischen Digitalkrakens. Erste Symptome dieses Konflikts zeigen sich längst auch hierzulande.

Am 10. August 2026 trat Moritz Schularick im ZDF-„heute journal“ auf. Der Ökonom ist Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, und sitzt zugleich im Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums für den Hochlauf der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Seine Botschaft ist radikal: Deutschland drohe seine neuen Rüstungsmilliarden in Panzer, Fregatten und anderes „Altmetall“ zu versenken. Stattdessen fordert Schularick Drohnen, KI, Robotik, Satelliten und eine völlig neue Produktionslogik. „Wir können dieses Geld nur einmal ausgeben“, lautet seine zentrale Warnung. Aus dem Verteidigungsministerium kommt darauf die erwartbare Plattitüde: Man dürfe KI und Panzer nicht gegeneinander ausspielen. Rüstungsstaatssekretär Jens Plötner hält schon die Alternative für falsch – die Bundeswehr brauche beides. Das stimmt zwar, geht aber am Kern der Debatte vorbei.

Wer das Betriebssystem des Krieges kontrolliert

Das Revolutionäre am Palantir/Maven-Kriegsentwurf ist nicht die einzelne Waffe, so digital aufgerüstet sie auch sein mag. Entscheidend ist die Architektur zwischen den Waffen. Wer Sensoren, Datenbanken, KI, Lagebild, Planung und Wirkmittel in einem System zusammenführt, entscheidet zunehmend darüber, was überhaupt sichtbar wird, welche Ziele Priorität erhalten und welche Handlungsoptionen dem militärischen Entscheider noch erscheinen. Damit verschiebt sich die Macht vom Hersteller der Waffe zu demjenigen, der das Betriebssystem des Krieges kontrolliert. 

Bei Palantir geht es um weit mehr als um das digitale Schlachtfeld. Hinter dem Konzern steht ein Projekt zur illiberalen Neuordnung des Westens: technokratisch, monopolistisch, elitär und unter amerikanischer Oberhoheit. Das dazugehörige Manifest ist durchtränkt von radikalem US-Nationalismus und einem beinahe rassistischen Glauben an die Überlegenheit des Westens. Deutschland und Japan sollen wieder aufrüsten, aber nicht souverän, sondern als bewaffnete Juniorpartner unter amerikanischen Fittichen. Genau deshalb ist Palantir nicht bloß ein Rüstungskonzern, sondern ein Machtprojekt, das zwangsläufig mit den liberalen Eliten Europas und der Brüsseler Bürokratie kollidiert: Hier konkurrieren zwei Modelle westlicher Herrschaft um die Nachkriegsordnung.

Deutschland baut derweil einen eigenen digitalen Militärkomplex auf, der funktional genau das leisten soll, was Palantir mit Maven bereits anbietet. Im April 2026 erteilte die Bundeswehr dem US-Konzern für ihre nationalen Daten noch eine Absage. Vizeadmiral Thomas Daum nannte es „unvorstellbar“, Palantir-Mitarbeiter an den Datenbestand der Truppe zu lassen. Doch eine Ebene höher ist die Datenkrake längst im System: Die NATO arbeitet mit Maven. „Bei der Nato ist diese Software im Einsatz, das wissen wir, und das nutzen wir auch“, räumte Daum ein. Nationale digitale Souveränität trifft damit auf die Realität des Bündnisses.

Palantir drängt in Deutschlands Sicherheitsappara

Maven ist jedoch nicht das einzige Palantir-Produkt, das auf den deutschen Markt drängt. Für Polizei und Sicherheitsbehörden entwickelte der Konzern seine Analyseplattform Gotham, die hierzulande unter wechselnden Namen längst Fuß gefasst hat. Hessen setzt sie seit 2017 als hessenDATA ein, Nordrhein-Westfalen als DAR – „Datenbankübergreifende Analyse und Recherche“ –, Bayern als VeRA, „Verfahrensübergreifende Recherche und Analyse“.  Besonders weitreichend war die bayerische Ausschreibung von 2022: Der daraus entstandene Rahmenvertrag eröffnete auch anderen Polizei- und Bundesbehörden die Möglichkeit, Palantir-Technik ohne eigenes neues Ausschreibungsverfahren zu übernehmen.

Im Juli 2023 zog Innenministerin Nancy Faeser für BKA und Bundespolizei die Notbremse: Der bayerische Palantir-Rahmenvertrag sollte nicht auf den Bund ausgeweitet werden. Offiziell ging es weniger um ein Verbot der Software als um digitale Souveränität und Herstellerunabhängigkeit. Im Programm P20 sollte eine eigene, modular aufgebaute Bund-Länder-Lösung entstehen. Rückenwind bekam diese Linie durch das Bundesverfassungsgericht, das Anfang 2023 die damaligen Rechtsgrundlagen für automatisierte Polizeidatenanalyse in Hessen und Hamburg kassiert hatte. Selbst BKA-Präsident Holger Münch warnte später vor Abhängigkeiten von Partnern, „von denen wir nicht wissen, wie sie morgen oder übermorgen mit uns umgehen“. Nur: Drei Jahre später ist der souveräne Ersatz noch immer nicht fertig. Ende März 2026 befand sich die konkrete Lösung weiter im „fachlichen Prüfprozess“. Unter Faesers Nachfolger Alexander Dobrindt wird Palantir inzwischen wieder geprüft. Faeser wollte den US-Konzern durch digitale Souveränität ersetzen – drei Jahre später ist die Eigenlösung Baustelle und Palantir wieder im Rennen.

Zwei Machtblöcke formieren sich

Wie weit dieser Konflikt auch die militärische Infrastruktur erfasst, dürften die Machtkämpfe in der Ukraine zeigen. Fedorows Rauswurf sollte ihn politisch schwächen. Stattdessen könnte er Präsident Selenskyj nun stärker herausfordern. Der ehemalige Minister fordert Wahlen, wird öffentlich als möglicher Gegenkandidat genannt und erreichte in einer SOCIS-Stichwahlsimulation 63,8 Prozent, nahezu doppelt so viel wie der Präsident. 

Auf Fedorows Seite schlägt sich das Myzel des prowestlichen NGO-Komplexes. Die auffällige Synchronität mit den Enthüllungen der aus den USA gestützten Antikorruptionsbehörden gegen die Kiewer Machthaber lässt zumindest eine politische Koordination vermuten. Zugleich baut er sich bereits eine eigene Machtbasis auf: ein Defense-Tech-Unternehmen, finanziert ausgerechnet von seinem langjährigen Partner, dem Palantir-Chef Alex Karp.

In Deutschland lässt die berüchtigte Frage des FAZ-Korrespondenten Michael Martens an Wolodymyr Selenskyj, was Europa tun könne, „damit die Ukraine mehr Russen töten kann“, erahnen, wohin die Reise geht. 

Das erste Szenario gehört dem klassischen Rüstungskomplex: mehr Panzer, mehr Artillerie, mehr Munition – und mehr Menschen für die Front. Sein industrielles Symbol heißt Rheinmetall, politisch verkörpert wird es von der Regierung Merz. BlackRock hält 7,33 Prozent der Rheinmetall-Stimmrechte; Merz leitete von 2016 bis 2020 den Aufsichtsrat von BlackRock Deutschland. Zugleich wird die personelle Basis verbreitert: Wehrerfassung, verpflichtende Musterung ab 2027, Bedarfswehrpflicht und stärkere Heranziehung von Reservisten. 

Die Grenzen beider Kriegsmodelle

Wie schnell der Ukraine die Menschen ausgehen, zeigt ein Blick in die Klassenzimmer. Im letzten Schuljahr vor der Großinvasion wurden noch gut 400.000 Kinder eingeschult, 2025 waren es nur noch rund 252.000 – ein Einbruch um fast 40 Prozent, verursacht durch Geburtenrückgang und Massenflucht. Und die eigentliche demografische Kriegswelle kommt erst noch: Die heutigen Erstklässler wurden überwiegend vor 2022 geboren. 2025 kamen in der Ukraine nur noch rund 169.000 Kinder zur Welt. Wenn diese Kriegsjahrgänge ab 2031 eingeschult werden, wird der Absturz erst in voller Härte sichtbar.

Eine vergleichbare Entwicklung könnte Deutschland weit härter treffen , eine alternde Bevölkerung und eine seit Jahrzehnten unter dem Bestandserhalt liegende Geburtenrate. Eine Massenmobilmachung nach ukrainischem Muster träfe hier also nicht auf einen Staat mit überschüssiger Mannkraft, sondern auf eine bereits ausgedünnte demografische und industrielle Basis. Was die Ukraine im Krieg erleidet, könnte Deutschland unter solchen Bedingungen zur beschleunigten Erosion seiner wirtschaftlichen und staatlichen Substanz treiben.

Das zweite Szenario verführt dazu, den Übermenschen im Versteck vor dem Monitor zu spielen. Die tägliche Realität in der Ukraine widerlegt die technokratische Allmachtfantasiehen. Trotz digitalisiertem Schlachtfeld, Drohnenschwärmen und Präzisionswaffen fehlen Soldaten, während weiter Gelände verloren geht. Denn auch Russland verfügt über Drohnen, elektronische Aufklärung, KI-Auswertung und Präzisionswaffen. Wer eine Drohne startet, produziert oder steuert, wird folgerichtig selbst zur Zielscheibe eines „smarten“ Schlags – wie Intensität und Präzision der jüngsten russischen Angriffe zeigen. Die Lebenstüchtigkeit eines Volkes wird in jedem Krieg zum Verbrauchsmaterial. Wird auch noch die Entscheidungsebene an die KI ausgeliefert, beschleunigt sich nur der Verbrauch.

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