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Akademisches Leben
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Jenseits der Burschenschaften 2: Ein Streifzug durch die Welt der Korporationen

Abseits der schlagenden Verbindungen existieren bis heute zahlreiche Arten von Korporationen, die auf Personen außerhalb der Verbindungswelt eher nischenhaft wirken und sich in uninformierten Kreisen keiner sonderlich hohen Bekanntschaft erfreuen. Oswald Hellkamp gibt einen kompakten Überblick.

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Der Heidelberger Wingolf gehört seit über 170 Jahren dem Wingolfsbund an, dem ältesten bis heute bestehenden Korporationsverband Deutschlands.
Der Heidelberger Wingolf gehört seit über 170 Jahren dem Wingolfsbund an, dem ältesten bis heute bestehenden Korporationsverband Deutschlands. (Bild: Heidelberger Wingolf)

Nachdem bereits die burschenschaftlichen Dachverbände sowie Landsmannschaften, Corps und katholische Studentenverbindungen unter die Lupe genommen wurden, sind nun Verbindungen dran, von denen man als Nichtkorporierter in der Regel kaum etwas hört. Erneut wird sich zeigen, wie vielfältig die Welt der Studentenverbindungen ist und wie tief man in diese „eigene Welt“ eintauchen kann. Was sind der „Wingolfsbund“, der „Verband der Vereine Deutscher Studenten“ und der „Akademische Turnbund“?

Der Wingolfsbund

Tatsächlich handelt es sich beim sogenannten Wingolfsbund um den ältesten noch bestehenden Korporationsverband in Deutschland. Der Dachverband wurde bereits im Jahr 1844 gegründet. Der Name ist auf das altnordische Wort „Vingólf“ (meistens als „freundliches Haus“ / „Halle der Freundschaft“ oder „Weinhalle“ übersetzt) zurückzuführen. Dieses entstammt der germanischen Mythologie und beschreibt einen Raum – eine Art Festsaal und Versammlungsort - neben Walhall (dem Ruheort für in der Schlacht Gefallene).

Im Jahr 1767 arbeitete der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock seine zwanzig Jahre zuvor erschienene Ode „An des Dichters Freunde“ in eine Liedfolge in „germanischem Gewand“ um und nannte diese „Wingolf“. Das Wort wurde von christlichen Studentenkreisen übernommen, woraufhin sich im Jahr 1841 die erste Wingolfsverbindung in Bonn gründete. Drei Verbindungen gründeten um Pfingsten 1844 auf dem Konzil (einer Versammlung kirchlicher Würdenträger) zu Schleiz in Thüringen den Wingolfsbund. Wenngleich der Bonner Wingolf nicht anwesend war, akzeptierte er die dort gefassten Beschlüsse allesamt für sich. Von Beginn an wurde das Duell dezidiert abgelehnt, doch das akademische Fechten an sich den einzelnen Verbindungen freigestellt. Auch lehnte man die Implementierung eines Biercomments und das Stechen des Landesvaters ab (hierbei handelt es sich um eine studentische Tradition zur Würdigung des Landesfürsten; mit Aufkommen der Burschenschaften später eher zur Würdigung des Vaterlandes sowie zur Symbolisierung des bundesbrüderlichen Zusammenhalts) da durch dieses ein „untergeordnetes Moment zur Hauptsache gemacht würde“ – soll heißen: Weltliches träte zu stark gegenüber den christlichen Prinzipien in den Vordergrund. Der primär durch Studenten theologischer Fakultäten geprägte Verband war von Anfang an überkonfessionell, doch verlor mit dem stärkeren Aufkommen der katholischen Verbindungen, wenige Jahre nach Gründung des Wingolfs, viele katholische Mitglieder.

In der Revolution von 1848 stand man klar auf Seiten der Monarchisten und stellte sich gegen die Revolutionäre. Auch die Beschlüsse des Wartburgfestes wurden entschieden abgelehnt. Seit 1850 tagt der Wingolf zum eigenen Wartburgfest – hierbei handelt es sich um seine Dachverbandstagung – alle zwei Jahre in Eisenach. Während des Bestehens der DDR tagte man an wechselnden Orten. Auf der ersten Versammlung wurde der Leitsatz, dass der Wingolf ein christlicher Studentenverein ist, der die Studentenschaft mit dem Christentum durchdringen möchte, als zentrales Prinzip festgelegt. Über die Jahre kam es immer wieder zu Austritten durch unterschiedliche Auslegungen jenes christlichen Prinzips sowie durch verschiedene Sichten auf die deutschen Einigungskriege. Nach dem ersten Weltkrieg beteiligten sich mehrere Mitglieder aktiv in Freikorps, während andere eher christlichsozial geprägt waren. 1919 wurde allerdings vom Dachverband das Deutschtum als tragendes Prinzip klar abgelehnt. Auch kam es mit voranschreitender Zeit zu einer klaren Ablehnung der Mensur, was sogar zum Ausschluss von Verbindungen führte, die der Mensur gegenüber aufgeschlossen waren.

Aufgrund der Hoffnung, der Wingolf könne so weiterexistieren, führten die Verbindungen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten das Führerprinzip ein und schlossen christliche Juden aus. Eine Forderung des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, unbedingte Satisfaktion zu geben und somit das Duellwesen zuzulassen, wurde allerdings abgelehnt, was zur Auflösung des Wingolsfbundes im Jahr 1936 führte. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde bereits im Jahr 1945 auf der Kirchenkonferenz im hessischen Treysa von dort anwesenden Wingolfiten eine Wiedergründung geplant. Ende der vierziger Jahre wurden zahlreihe Wingolfsverbindungen wieder- und einige sogar neugegründet. Auf Basis der Vorkriegssatzung wurde der Verband im Jahr 1948 wiederbelebt.  

Durch die 68er-Bewegung kam in einzelnen Bünden zeitweise die Frage über eine Aufnahme von Frauen auf, was allerdings nach einigen Jahren unterbunden wurde. Nach der Wende wurde beim Wartburgfest des Wingolfs im Jahr 1991 das christliche Profil des Verbandes präzisiert. Er wurde festgehalten: „Die Mitglieder der einzelnen Wingolfsverbindungen bekennen sich ungeachtet ihrer Konfession zu Jesus Christus und finden sich in einer auf diesem Bekenntnis gegründeten Lebensgemeinschaft zusammen. Die Mitgliedschaft in den einzelnen Wingolfsverbindungen ist unabhängig von politischen, nationalen und ethnischen Gesichtspunkten“. Bei einigen neu- und wiedergegründeten Verbindungen Mitteldeutschlands kam es durch eine „nationale“ und somit eher burschenschaftliche Ausrichtung der Mitglieder zu internen Streitigkeiten, die im Ausschluss der „Ottonia Magdeburg“ mündete. Heute besteht der Wingolf aus insgesamt 34 Verbindungen. Nach wie vor besteht das Männerbundprinzip und die Mensur wird aus christlichen Gründen abgelehnt. 32 Verbindungen befinden sich in der BRD, eine in Estland und eine in Österreich.

Der Verband der Vereine deutscher Studenten

Auf der Netzseite des „Verbandes der Vereine Deutscher Studenten“ (VVDSt) wird in der Rubrik „Historie“ geschrieben, man habe sich 1881 zusammengeschlossen, um die „politische Lethargie“ der deutschen Studentenschaft zu überwinden. Das ist eine durchaus nette Umschreibung der Tatsache, dass der konkrete Anlass für die Gründung die Unterstützung einer Antisemitismuspetition von 1880 war, die den Reichskanzler aufforderte, die rechtliche Gleichstellung der Juden zurückzunehmen. Aus Komitees, die diese Petition in der Studentenschaft verbreiten wollten, entstanden die „Vereine Deutscher Studenten“ (VDSts).

Rund 800 Studenten kamen 1881 zum ersten Kyffhäuserfest zusammen, die sich zum „Verband der Vereine Deutscher Studenten“ mit dem Wahlspruch „Mit Gott für Kaiser und Reich“ zusammenschlossen. Die Leitprinzipien des Vereins waren Christentum, Deutschtum und Monarchie. Sie unterstützten Wilhelm I. und Otto von Bismarck. Letzterer erwiderte die große Unterstützung durch eine erzwungene Anerkennung des VDSt in Berlin durch die Berliner Universität entgegen der Meinung des liberalen Senats. Der VVDSt wollte keine neue Verbindung neben den bereits bestehende Korporationen bilden, sondern verstand sich als Vertreterin der deutschen Studentenschaft in ihrer Gesamtheit. Mitglied in den Vereinen wurden sowohl bereits korporierte als auch nichtkorporierte Studenten mit politischem Interesse. Aus diesem Selbstverständnis heraus kam es dazu, dass keine Bänder oder Mützen getragen wurden und als Farben die des deutschen Reiches gewählt wurden – schwarz, weiß, rot. Bis heute trägt der Verband seine Farben nur am Zipfbund und ist somit nicht farbentragend, sondern farbenführend.

Mit den Jahren kam ein stärkerer Fokus auf völkisches Gedankengut hinzu. 1896 wurde bereits ein Arierparagraph in die Satzung aufgenommen. Es kam zu Kooperationen mit Vereinigungen, die eine Aufrüstung des deutschen Heeres, sowie eine Entslawisierung Ostdeutschlands anstrebten. Parteipolitisch blieb man allerdings ungebunden. Im ersten Weltkrieg fielen rund 800 VDSter – knapp 14 Prozent aller Mitglieder. Bis zuletzt hoffte man energisch auf einen Sieg. Nach dem Krieg kam es schnell zu einer im Verband weit verbreiteten Ablehnung der Demokratie in der Weimarer Republik. Da die Monarchie keinen Bestand mehr hatte, empfanden immer mehr Mitglieder eine Sympathie gegenüber dem Führerprinzip. Schnell kam es zu Zusammenarbeiten mit dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Nach Hitlers Machtergreifung führte man freiwillig das Führerprinzip ein. Konflikte mit dem Nationalsozialismus existierten insofern, als die ablehnende Sicht auf das Christentum zahlreicher Nationalsozialisten kritisch betrachtet wurde. Es existierten allerdings auch – insbesondere in der Altherrenschaft – Strömungen im Verband, die den Nationalsozialismus gänzlich ablehnten. Nachdem Rudolf Hess allen Mitgliedern der NSDAP eine Mitgliedschaft in Studentenverbindungen untersagte, lösten sich der VVDSt und die einzelnen VDSts im Jahr 1938 auf.

Nachdem sich Ende der 40er-Jahre bereits mehrere VDSts wieder- oder neugegründet hatten, kam es 1951 in Bonn zur Wiedergründung des Dachverbandes. Der Wahlspruch wurde zu „Mit Gott für Volk und Vaterland“ umgeändert. Fortan bekannte man sich zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik, positionierte sich strikt gegen rassistisches und antisemitisches Gedankengut und stellte die Ziele der deutschen Wiedervereinigung und eines geeinten Europas ins Zentrum. Als es 1990 zur Wiedervereinigung kam, sah der VVDSt dieses Ziel als erreicht an. Offensichtlich war man bezüglich der Bedeutung des Begriffes „Wiedervereinigung“ nicht sonderlich ambitioniert.

Der VVDSt ist nichtschlagend. Bis 1953 wurde allerdings im Falle von Ehrenhändeln Satisfaktion auf Säbel gegeben. Alle Mitglieder des Verbandes verstehen sich als Bundesbrüder. Bei einem Wechsel des Studienortes wird ein VDSter automatisch Mitglied des ortsansässigen VDSt. Die Idee des politischen Vereins, dem Korporierte verschiedener Verbindungen sowie Nichtkorporierte beitreten können, ist schon lange dem Prinzip einer eher „regulären“ Studentenverbindung gewichen. 

Der Akademische Turnbund

Aus der, auf den Turnvater Friedrich Ludwig Jahn zurückgehenden deutschen Turnerbewegung, die sich zum Ziel setzte, die körperliche Ertüchtigung sowie eine nationalistische Willensbildung des deutschen Volkes voranzutreiben, gingen mehrere Turnvereinigungen hervor, die anfangs Korporierte und Nichtkorporierte in ihren Reihen hatten. Allerdings kam es schnell zur Weiterentwicklung zu eigenständigen Korporationen, die 1872 den Cartellverband Akademischer Turnvereine gründeten. Dieser benannte sich 1885 in Vertreter-Convent um und wurde zum Dachverband der akademischen Turnerschaften. 

Turnervereinen, die an technischen Hochschulorten ansässig waren, wurde die Mitgliedschaft im Cartellverband nicht gestattet, weswegen sich im Jahr 1882 ein Kartell von Vereinen an technischen Hochschulorten gründete, was knapp ein Jahr später zur Gründung des Dachverbandes „Akademischer Turnbund“ (ATB) führte (was vergleichbar mit der Gründungsgeschichte der Weinheimer Corps ist). Trotz des Sportprinzips wurden Bestimmungsmensuren von Beginn an abgelehnt. Allerdings gaben die Verbindungen des ATB teilweise bis zum Zweiten Weltkrieg unbedingte Satisfaktion auf schweren Säbel. 

Dem ATB erging es im dritten Reich nicht anders, als anderen Korporationen. Auch er wurde aufgelöst. Neugegründet wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1950 von sieben Akademischen Turnverbindungen (ATVs) – so nennen sich die einzelnen Bünde im Dachverband – in Marburg. Durch die 68er-Revolte kam es über die Jahre zur Verwerfung des reinen Männerbundprinzips. 1991 beschloss der Dachverband, den einzelnen ATVs die Entscheidung über die Aufnahme von Frauen freizustellen, wodurch heutzutage sowohl reine Männerbünde, als auch gemischte Verbindungen im Dachverband existieren. Auf der Netzseite des ATB sind aktuell 38 ATVs als Mitglieder aufgeführt. Sie sind, wie der VVDSt, farbenführend – sie tragen ihre Farben also nur am Zipfbund.

Dem ATB assoziiert ist die Arbeitsgemeinschaft des „Akademischen Turnbundes in Österreich“ (ATBÖ). Im Gegensatz zu den Bundesdeutschen ATVs tragen sie Bänder und nehmen allesamt nur Männer auf. Bis vor Kurzem war der ATV Wien reguläres Vollmitglied in ATB. Die Aktivitas wurde 2025 allerdings aus dem Dachverband geworfen, da sie einen volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff in ihrer Satzung verankert hat. Ferner wurde über „rassistische“ und „antisemitische Äußerungen“ auf dem Verbindungshaus berichtet. Ob Turnvater Jahn das als legitimen Ausschlussgrund zählen lassen würde? Das darf durchaus bezweifelt werden.

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