Freilich #36: Ausgebremst!

Hörsaalgeflüster (10): Weg mit den Geschwätzwissenschaften? 

Angesichts der enormen Menge an scheinbar überflüssigen jungen Akademikern stellt Marc Brunner die Frage, wie eine rechte Bildungspolitik aussehen sollte – und liefert ein Plädoyer für den humanistischen Bildungsbegriff. 

Kommentar von
30.11.2025
/
4 Minuten Lesezeit
Hörsaalgeflüster (10): Weg mit den Geschwätzwissenschaften? 

In Deutschland haben mittlerweile immer mehr Menschen einen Hochschulabschluss.

© IMAGO / Funke Foto Services

Es gibt zu viele Studenten und Akademiker. Während klassische Handwerksbetriebe mittlerweile um jeden Lehrling kämpfen müssen, haben fast 40 Prozent der unter 35-jährigen Europäer mindestens einen Bachelor-Abschluss. Selbst vor dem erwiesenen Hintergrund, dass Volkswirtschaften in dem Maße, in welchem sie an Wohlstand gewinnen, vermehrt auf komplexer werdende Dienstleistungen setzen, erscheint eine solche enorme Menge von Akademikern innerhalb der jüngeren Generation äußerst fragwürdig – insbesondere in Deutschland, einer Nation, die ökonomisch auf Schwerindustrie baut.

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Auch historisch ist die gegenwärtige Situation faktisch ohne Gleichen, galt das akademische Studium doch noch bis in die Zeit der frühen Bundesrepublik als elitäre Angelegenheit, die nur den besten Gymnasiasten vorbehalten war. Im Deutschen Kaiserreich ergriff sogar nicht mal jeder 7. Gymnasiast die Möglichkeit, an eine Universität zu gehen. Angesichts der stärker werdenden ökonomischen Zwänge, welche die Notwendigkeit qualifizierter physischer Arbeit verdeutlichen, scheint die Frage naheliegend, wie eine rechte Bildungspolitik auf die massive Akademikerschwemme reagieren könnte. 

Zwischen Gender Studies und linken NGOs 

Es ist seit je her eine bisweilen sehr offensiv vertretene AfD-Position, dass das Problem der überflüssigen Hochschulabsolventen vor allem hausgemacht sei: Die Eröffnung von immer mehr Universitäten und Hochschulen und das sich jeweils stetig weiter ausdifferenzierende Studienangebot würden die jungen Leute schlicht dazu verführen, das Studium einer Ausbildung vorzuziehen. Die Konsequenz: das massive Aufkommen von sogenannten „Geschwätzwissenschaftlern“ – also formal hochqualifizierten Akademikern, die aber eigentlich über keine auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Fähigkeiten verfügen. Die Lösung des Problems: Einschlägige Studiengänge sollten einfach gestrichen und die benötigten Ausbildungsberufe attraktiver gemacht werden.

Die grundlegende Diagnose, dass es viele nur mehr pseudo-akademische Studiengänge gibt, die eigentlich keine Berechtigung besitzen, teile ich zwar; allein glaube ich nicht, dass die verschrienen Gender-Studies- und Critical-Race-Theories-Absolventen tatsächlich überflüssig sind. Eher erfüllen sie eine Aufgabe von systemischer Wichtigkeit, denn die zahlreichen sogenannten Nichtregierungsorganisationen aus dem politischen Umfeld von Rot und Grün brauchen schließlich einen steten Zulauf von ideologisch zuverlässigen Referenten und Aktivisten, an welche sie ihre üppigen Förderungsgelder (erhalten zumeist aus den großzügigen Regierungsprogammen für „Demokratieförderung“) als Gehälter ausschütten können. Und wie kann man seine politische Gesinnung besser untermauern, als durch ein mindestens fünfjähriges Studium von politisch hochgradig aufgeladenen Fächern, die jenseits des grün-roten Staatsbetriebs bzw. der staatsnahen Agitationsmechanismen völlig unbrauchbar sind? 

„Afuera“ an den Unis? 

Von hier muss deutlich werden, dass die Problematik der Akademikerschwemme nicht von einigen wenigen Fehlentscheidungen innerhalb des verbreiteten Studienangebots herrührt. Wer Gender Studies aus dem Curriculum streichen möchte, der muss zunächst gegen die einschlägigen Organisationen vorgehen, welche die entsprechenden Absolventen rekrutieren. Erkenntlich wird: Es handelt sich nicht eigentlich um bildungspolitische Erwägungen – eher schon geht es um die Frage, wer wie viel Steuergeld an seine Leute verteilen darf. Und in diesem Punkt – soviel ist wohl sicher – wird die AfD auf absehbare Zeit keinen Schritt in die Tür bekommen. Das ist nicht ihre Schuld, handelt es sich schließlich um ein seit Jahrzehnten eingespieltes und milliardenschweres System, welches überhaupt kein Interesse an irgendeiner Veränderung seiner Abläufe besitzt.

Das Geld wandert also vom schrumpfenden Teil der Gewinne erwirtschaftenden Unternehmer und Arbeitnehmer hin zu einer wachsenden politischen Klasse von Agitatoren und Nutznießern – soweit der bekannte libertäre Allgemeinplatz von produktiven und parasitären Formen der Arbeit, welcher in seinem rein ökonomischen Zugriff zwar treffend, aber völlig unpolitisch ist. Deshalb darf man nun im Zusammenhang mit der Frage nach einer rechten Bildungspolitik nicht in ein ebenso libertäres „Afuera!“ (Spanisch: Hinaus!, Weg!), etwa nach Vorbild des argentinischen Präsidenten Milei, verfallen, das schlicht auf die massenhafte Streichung von geisteswissenschaftlichen Studiengängen abzielen würde. 

Für eine Rückkehr zum humanistischen Bildungsbegriff 

Denn die deutsche Tradition bietet mit dem humanistischen Bildungsbegriff eine überlegene Alternative zu einer jeden solchen, eher kurzsichtigen bildungspolitischen Intervention. Aufgekommen in Zeiten der Aufklärung und in deutschen Landen insbesondere vom preußischen Staatsmann und Gelehrten Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts popularisiert, basiert er auf dem Unterricht des Lateinischen und Griechischen als sprachlicher Grundlage europäischer Kultur. Von dieser altphilologischen Basis ausgehend, verstehen humanistische Pädagogen und Lehrer den Schüler als umfassend zu bildendes Wesen, welches gleichberechtigt etwa die Philosophie der späten Antike, die Kunstgeschichte der Renaissance als auch die mathematische Kurvendiskussion kennenzulernen hat.

Erst nach einer solchen umfassenden Bildung werden die Zöglinge für höhere Studien an die Universitäten entlassen – von selbst versteht sich, dass dies nur Wenige sein können, denn die anstrengende Ausbildung auf einem humanistisch geprägten Gymnasium kann nur von intellektuell fähigen und wirklich interessierten Schülern bewältigt werden. Schon allein aufgrund ihres hohen Anspruchs würde eine von diesem Bildungsideal geprägte Politik die Zahl der Studenten also deutlich reduzieren. Und auch die benannten, augenscheinlich fragwürdigen Studiengänge würden verschwinden, da sie wesentliche Aspekte der humanistischen Bildung – Klassizität, Historie, ganzheitlicher Anspruch – schlicht nicht erfüllen. Eine humanistische Bildungspolitik würde demnach ganz von selbst dafür sorgen, dass die ungesunden Auswüchse der modernen Massenuniversitäten mit ihren nivellierenden und auch in den alten Geisteswissenschaften längst zunehmend banalen Studienprogrammen verschwinden würden. 

Die Notwendigkeit eines Ideals 

Dass ein großer Umschwung hin zur humanistischen Bildung gerade vor dem Hintergrund der oben umrissenen machtpolitischen Problemstellung sehr unwahrscheinlich ist: geschenkt. Bildungspolitik basiert stets auf einem Ideal; einer konkreten Vorstellung vom Menschen und dem, wie er zu erziehen und zu formen sei – und die deutsche Tradition des humanistischen Gymnasiums ist ein bewährtes Ideal, welches diese Orientierung bietet. Die Zahl der explizit humanistischen Gymnasien in Deutschland ist allerdings längst marginal. Das ist kaum verwunderlich: Denn nur wenige Angelegenheiten sind bundesweit so regelmäßig in die Hände von rot-grünen Landesregierungen gefallen wie die Bildungsministerien. 

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der Freilich-Redaktion.
Über den Autor

Marc Brunner

Marc Brunner wurde 1997 in Westdeutschland geboren. Der studierte Philosoph interessiert sich für das griechische Denken und antike Geschichtsschreibung.

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