Neuer „kaplaken“ von Kießling – Ein anderer Blick auf das Thema Antisemitismus
Kürzlich ist das Buch „Antisemitismus. Frage und Versuch“ im Antaios Verlag erschienen. FREILICH wirft einen kritischen Blick auf das neue Werk von Simon Kießling.
„Antisemitismus. Frage und Versuch“ erschien jüngst im Antaios Verlag.
© FREILICHSimon Kießlings neues Buch „Antisemitismus. Frage und Versuch“ wagt sich an ein Thema, das in neurechten Kreisen lange als verstaubtes Relikt vergangener Ideologien galt: das Judentum. Dass ein renommierter neurechter Verlag wie Antaios dieses Buch veröffentlicht, gilt als mutiger Schritt. Es bietet der Rechten die Möglichkeit, sich auf ein solides theoretisches Fundament zu stellen, ohne bei diesem Thema in Verlegenheit zu geraten. Ein erster Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt allerdings Fragen offen – erst die Einleitung schafft Klarheit.
Perspektivenwechsel: Juden als Akteure
Kießling bricht mit der gängigen Antisemitismusforschung, die sich meist auf die Täter konzentriert. Stattdessen rückt er die Juden als Akteure in den Mittelpunkt, die er nicht länger als passive Opfer eines entfesselten Hasses darstellen will. Sein Ziel ist es, anhand der „Realgeschichte des Judentums“ dessen jahrtausendelange Wanderung durch die Weltgeschichte nachzuzeichnen und antisemitische Stereotype historisch neu zu interpretieren.
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Ein Schlüsselbegriff in Kießlings Analyse ist das „Sendungsbewusstsein“ der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Dieses werde erst verständlich, wenn man die Phänomenologie der Juden erfasse, schreibt er. In aller Kürze: Die Israeliten verehren Jahwe als den einen, universalen Gott, dessen auserwähltes Volk sie sind. Ihre Aufgabe sei es, die anderen Völker von ihren Götzen zu „befreien“, sie zu vereinen und mit Jahwe zu verbinden. Kießling betont diesen Herrschaftsanspruch, der sich teils offen, teils unterschwellig aus der jüdischen Eschatologie ergebe. „In Zion beten die Juden ihren Gott an, die Nichtjuden nur den Gott der Juden“, heißt es wörtlich. Als Quelle dient ihm allein das Alte Testament, wobei er Abweichungen zur modernen Geschichtswissenschaft einräumt, aber nicht vertieft.
Zyklische Leidensgeschichte
Kießling erzählt eine Geschichte vom Aufstieg und Fall großer Zivilisationen – von Ägypten über Babylon bis zum Deutschen Reich und der Sowjetunion. Die Juden, so der Autor, seien von diesen Umwälzungen „elektrisiert [...] und geradezu magisch angezogen“. Sie begleiten den Aufstieg, fördern ihn, machen ihn überhaupt erst möglich. Die Wende komme jedoch, als die Völker aus „Neid“ und „Eifersucht“ gegen die Juden vorgingen, was letztlich ihren Untergang besiegelte. Wie dieser skizzierte Einfluss konkret entsteht, bleibt bei Kießling vage.
Der Autor kritisiert eingangs die Fixierung der Antisemitismusforschung auf den Antisemiten als handelndes Subjekt. Doch er dreht dieses Bild nur um: Juden werden zum bedeutenden Akteur der Geschichte erhoben, umgeben von Völkern, die seine Einzigartigkeit nicht anerkennen. Diese Sicht gipfelt in fragwürdigen historischen Thesen. So nennt er Lew Bronstein (Trotzki) einen „säkularen jüdischen Propheten und Visionär seiner Zeit“, ohne dies zu belegen. Ebenso irritiert die Behauptung, Iberien sei nach dem Alhambra-Edikt von 1492 „in Trägheit versunken und zum Inbegriff des Müßiggangs geworden“ – trotz der späteren Eroberung Amerikas.
Fazit: Ein interessantes Narrativ ohne Tiefe
Kießlings Werk will die Geschichte der Juden neu interpretieren und antisemitischen Klischees entgegentreten. Der Versuch bleibt aber lückenhaft und kann noch nicht überzeugen. Dennoch mag das Buch in neurechten Kreisen Anklang finden – als provokanter Beitrag zu einem Thema, das dort lange gemieden wurde. Für eine fundierte Auseinandersetzung mit Antisemitismus reicht es jedoch nicht aus, kann aber den Anfang bedeuten.