Gewesslers Millionenvergabe an Lebensmitteldrehscheibe sorgt für Ärger
Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hat einen Millionenauftrag für eine digitale Lebensmittelplattform an die Unverschwendet GmbH vergeben – trotz Unklarheiten über deren Bonität.
Gewesslers Millionenauftrag an die Unverschwendet GmbH blieb fast unbemerkt.
© IMAGO / Andreas StrohWien. – Während in Österreich alle Augen auf die Bildung einer neuen Regierung gerichtet sind, sorgt eine Entscheidung von Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) für Kritik: Ihr Ministerium vergab Mitte Dezember einen Millionenauftrag für eine digitale Plattform zur Verteilung überschüssiger Lebensmittel. Brisant: Die karitative Organisation Tafel Österreich, die seit 25 Jahren Lebensmittel rettet und armutsbetroffene Menschen versorgt, hatte zu diesem Zeitpunkt eine ähnliche Plattform bereits fast fertiggestellt. Mit der staatlich geförderten Lösung entstehen nun zwei parallel laufende Systeme: die private Drehscheibe der Tafel und die neue Plattform der Unverschwendet GmbH.
Ausschreibung benachteiligte gemeinnützige Organisationen
Laut einem Bericht der Presse am Sonntag enthielt die Ausschreibung eine Bedingung, die gemeinnützige Organisationen wie die Tafel klar benachteiligte: Bewerber mussten eine hohe Bonität nachweisen. Den Zuschlag erhielt schließlich die Unverschwendet GmbH – ein Unternehmen, das überschüssige Lebensmittel zu Produkten wie Marmeladen und Chutneys verarbeitet und verkauft. Geschäftsführerin Cornelia Diesenreiter verteidigte die Entscheidung mit den Worten: „Das ergibt absolut Sinn.“
Für die Tafel ist dies ein schwerer Rückschlag. „Das könnten wir uns gar nicht leisten“, erklärte Tafel-Chefin Alexandra Gruber auf die Frage, ob die Organisation juristisch gegen die Entscheidung vorgehen werde. Dennoch wolle man an der eigenen Plattform festhalten und sie weiter ausbauen.
Zweifel an der Bonität von Unverschwendet
Eine zentrale Begründung für die Entscheidung des Klimaschutzministeriums gegen die Tafel war die finanzielle Lage der Bewerber. Die Tafel werde sich langfristig möglicherweise nicht selbst tragen können, da sie rein aus Spenden finanziert werde. Doch Recherchen der Bloggerin Birgit Medlitsch (klartexxt) werfen nun Zweifel an der Bonität von Unverschwendet auf.
Laut Medlitsch bestehen enge Verflechtungen zwischen der Unverschwendet GmbH und zwei weiteren Gesellschaften der Gesellschafter Cornelia und Andreas Diesenreiter. Die 2022 gegründete Rettenswert gerettete Lebensmittel GmbH weist demnach Verbindlichkeiten von 464.412,69 Euro und ein negatives Eigenkapital von 312.483,13 Euro auf. Auch die Unverschwendet GmbH selbst hat laut ihrem Jahresabschluss Bankverbindlichkeiten von 667.688,07 Euro – ein Anstieg um mehr als 200.000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Die Liquidität sei nur durch eine Forderung von 439.965,87 Euro gegenüber einem „verbundenen Unternehmen“ gewahrt worden, das ebenfalls Teil des Firmengeflechts sei.
„Von einer hohen Bonität kann nicht einmal ansatzweise die Rede sein“, kommentiert Medlitsch in ihrer Analyse. Vielmehr liege der Verdacht nahe, dass eine interne Verschiebung von Finanzpositionen betrieben wurde, um die Bilanzzahlen zu verbessern.
Wettbewerb um gespendete Lebensmittel wächst
Die Konkurrenz um gespendete Lebensmittel verschärft sich in Österreich jedenfalls zunehmend. Neben karitativen Organisationen treten auch Sozialmärkte auf, die gespendete Waren günstig verkaufen. Gleichzeitig gehen die Spenden der Supermärkte zurück: In Wien verzeichnen Sozialmärkte bereits einen Rückgang um 15 Prozent, wie oe24 berichtet.
Vor diesem Hintergrund bleibt die Frage, warum das Klimaschutzministerium ein Unternehmen mit finanziellen Unklarheiten der seit Jahrzehnten etablierten Tafel vorzieht. Die Kritik an der Vergabeentscheidung dürfte damit noch nicht verstummen.