Leipziger Buchmesse 2025 – Zwischen Kitsch und Kulturkampf
Am vergangenen Wochenende fand im sächsischen Leipzig die alljährliche Buchmesse statt. Doch auch der neue Besucherrekord konnte nicht über die grundsätzlichen Probleme der Branche hinwegtäuschen.
Vor allem vor dem Stand des Kölner Lyx-Verlags herrschte großer Andrang.
© IMAGO / Manfred SegererEs ist ein elendes Thema, und seine alljährliche Wiederkehr kurz vor Frühlingsbeginn mobilisiert noch einmal die Reste der Winterdepression: Überschriften wie „Kann Gen Z kein ganzes Buch mehr lesen?“, „Verlieren Jugendliche das Interesse am Lesen?“ und all die anderen schillernden Formulierungen zwischen Untergang der Lesekultur und Idio-Katastrophe der Jugend sind feinstes Wutbürgerfutter und eignen sich bestenfalls zum Poltern am Stammtisch.
Die jüngste Stufe der Scheindebatte Buch versus Jugend ist „BookTok“, eine Sparte von TikTok-Kurzvideos, in denen es um Bücher geht. Diese richten sich vor allem an junge Frauen zwischen 16 und 24 Jahren und thematisieren sogenannte „New Adult“-Romane, häufig Liebesgeschichten aus der Sicht ebenfalls junger Frauen mit mehrsilbigen angloamerikanischen Namen, die sich nicht selten mit sehr erfolgreichen, gut aussehenden jungen Männern einlassen. Kein Wunder also, dass sich die mit Abstand längsten Schlangen auf der Leipziger Buchmesse vor den Verlagen bildeten, deren Hauptangebot sich vor allem aus diesem Programm speist. Insbesondere der Andrang vor dem Kölner Lyx-Verlag spricht eine deutliche Sprache: Der Buchmarkt gehört den jungen Frauen.
Kritik der reinen Literatur
So sieht es zumindest Deutschlandfunk-Kolumnist Nils Schniederjahn, der sich zwischen Brecht-Rezension und „Hyperpolitik“-Podcast an einer Analyse des deutschen Buchmarktes versucht. Es sei „keine gute Idee, wenn junge Männer nur noch Hoss & Hopf hören und rechtsradikalen Streamern zuschauen“, da diese nur vereinfachte, oft reaktionäre Antworten lieferten – junge Männer konsumierten einfach andere Inhalte und Medien als Frauen, „begleiten den Alltag von Influencern, vertrödeln ihre Abende mit Streamern“. Das erkläre dann auch das unterschiedliche Wahlverhalten von Männern und Frauen unter 24 Jahren, das sich auf AfD und Linke verteilte. Seine Lösung? Eine „kritische Beschäftigung“ mit Männlichkeit, „wenn männliche Härte nicht zum Erfolg, sondern zu bloßer Brutalität führt“ – großartig. Ich bin gespannt auf diese ganz neue Art von Literatur, die sicher ganze Heerscharen junger Männer nicht nur für das Buch begeistern wird, sondern auch für die Gesellschaft, die solches Schreiben fordert und fördert.
Von den Seiten in die Köpfe
Gibt es eine Repräsentationslücke junger deutscher Männer in der Literatur? Zweifellos. Doch der Gang zum Buchgroßhändler des Vertrauens hilft nur selten, es sei denn, man ist ein Liebhaber seltener Fantasievögel wie Christian Kracht. Selbst Klassiker der deutschen Literatur, die man Jugendlichen und Männern beherzt in die Hand drücken könnte, werden kaum noch verlegt oder finden den Weg in die Auslage.
Die Frage nach dem entscheidenden Schuldigen ist ein Henne-Ei-Problem und bringt uns der Lösung des Problems keinen Schritt näher. Positiv ist dagegen die Perspektive: Gerade die männlich geprägte rechte Literaturszene hat in den letzten Jahren einen Zuwachs erfahren und wird zunehmend auch in breiteren Kreisen zur Kenntnis genommen – natürlich nur ablehnend und „kritisch begleitet“. Sowohl die Wiederentdeckung verschollener Autoren als auch die Förderung junger Talente können sich die Verlage der Szene als Verdienst an die Brust heften, und beides findet Anklang. Inzwischen sind auch urbane Erzählungen auf dem Vormarsch, sowohl Sebastian Schwaerzels „Shizoid Man“ als auch der kürzlich angekündigte Roman „Herrengedeck“ des Jungeuropa-Autors Volker Zierke weisen in diese Richtung.
Das nächste Kapitel aufschlagen
Die Sorge um das Buch ist berechtigt und edel, aber weder zahnloses Lamentieren noch vulgäres Schimpfen auf eine dumme Jugend führen zu einer Re-Literarisierung der jungen Menschen. Die Liebe zum Buch will gelernt sein und braucht positive Erfahrungen, gerade die Allgegenwart von Bildschirmen, kurzen Aufmerksamkeitsspannen und der schlechte Ruf der Literatur zeigen diese Notwendigkeit. Entwicklungen wie „BookTok“ zeigen, dass es Wege gibt, Jugendliche und junge Erwachsene in großer Zahl für Bücher zu begeistern, wenn man sie dort abholt, wo sie stehen.
Ob der Mainstream dieser Aufgabe in Bezug auf junge Männer gewachsen ist, darf stark bezweifelt werden, umso mehr sollten alternative Verlage ihre Anstrengungen verstärken. Bei all dem sollte aber der Wert des Buches an sich nicht vergessen werden, denn nur eines ist schlimmer als eine politliterarische Auftragsarbeit: eine langweilige Geschichte.